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Ein Blick über den Tellerrand

1971 waren wir mit einer Steinheimer Gruppe unter der Leitung des damaligen Vikars Ulf Klein-Doppelfeld in der früheren Sowjetunion – in Moskau und Rostow-Vilicki. Nahe der Wolga lernten wir im dortigen Kreml am Internationalen Frauentag die Lehrerin Alla Schlepakowa kennen.

Im Lauf von mehr als vierzig Jahren entwickelte sich daraus eine Brieffreundschaft mit wiederholten Begegnungen in Deutschland, auch in Steinheim. Als Lehrerin für Deutsch und Englisch ist Alla seit Jahren im Ruhestand, unterrichtet aber noch als Privatlehrerin. Mit gutem Erfolg. So nahm beispielsweise ihre Schülerin aus der zehnten Klasse, Aljona Gavrilova, im Juli 2012 an der Spracholympiade in Frankfurt/Main teil.

„Ich sehne mich nach Deutschland“, schreibt sie. Aber aus Gesundheitsgründen kann sie heute nicht mehr reisen. So schickte sie als Geschenk zum neuen Jahr 2013 allen ihren Freunden in unserem Land ihre Erzählung „Der Sohn“. Sie gibt uns damit Einblicke in eine fremde Welt in der Nähe der Wolga. Scheinbar weit entfernt am Rande unseres Blickfeldes – und doch so nah!

Der Sohn
Morgen ist der Feiertag „Prokov – Mariae Schutz und Fürbitte“ (1. Oktober). Nicht jedem ist dieser Feiertag bekannt, aber das Wort Prokov besagt, dass Sommer, Wärme, Beeren und Badezeit schon vorbei sind.

Wir haben eine Tradition, zu Prokov auf den Friedhof zu gehen, der Eltern zu gedenken, manchmal ein wenig zu weinen und von den Gräbern die Spuren des Sommers und des Herbstes zu beseitigen.

Heute ist der älteste Sohn dabei. Der Regen ist wie eine Wand. Das Taxi kommt nicht. Ich habe mich mit dem Sohn auf dem Markt bei dem Blumenstand verabredet. Der Sohn beruhigt mich am Telefon: “Mama, keine Sorge! Du brauchst dich nicht zu beeilen, gehe vorsichtig, ich werde auf die warten, so lange wie nötig! Beeile dich nicht!.“

Ich beeile mich nicht. Ich könnte das auch garnicht: Das Bein tut weh, doch mir hilft mein Freund, der Gehstock. Der Merkt ist schon ganz nah, aber ich gehe auf der anderen Seite. Und dann die Überraschung! Der Sohn läuft mir von weitem entgegen, die Blumen sind gekauft und ich bin schon unter seinem Regenschirm.

„Grüß dich Mama! Wie bist du hergekommen?“ In seinen lieben Armen fühle ich mich klein und geschützt vor Regen, Wind und allen Problemen der Welt. Der Sohn neben mir! Und dieses Wort wärmt wie die Sonne. Es wärmte noch, als wir langsam über den Friedhof gingen, die Gräber in Ordnung brachten, uns Gedanken über das Leben machten, nach Hause fuhren, Schulter an Schulter saßen ...

Ich wusste, dass diese Wärme lange Zeit anhalten wird, aber ich wusste auch: Sohn zu sein ist sicher schwer. Warum sonst weinen so viele Mütter in Russland wegen eines frechen Wortes ihres betrunkenen Sohnes, wegen seiner groben Hände, wegen des Vergessens der Mutter, und manchmal auch wegen der gewaltsamen Aneignung der mütterlichen Rente? Sicher ist es schwer – der Mutter Sonne zu schenken.

(Übersetzung Anne Horn-Brsehmer, Röthenbach)

Autor: Christa und Johannes Waldhoff 
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