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Meine Erfahrungen mit Sinti und Roma

Tarntara, tamtarada, tamtara — die Takte eines Tamburins, Summen dazu — das waren alarmierende Laute, die uns Jungen augenblicklich auf die Straße brachten: Sinti und Roma mit einem Tanzbären.

Da stand denn so ein haariger Trumm von einem Braunbären auf seinen Hinterbeinen mit schaukelnden Bewegungen zu den scharfen, rhythmischen Takten und blinzelte uns mit seinen intelligenten kleinen Augen an. Ein malerischer Mann mit schwarzem Schnäuzer und Backenbart hielt ihn mit einer Kette am Nasenring. Die Kettenhand hielt auch das Tamburin, die andere schlug den Takt. Wenn er Luft holte zwischen dem Summen, konnte man unter schmalen Lippen prächtige weiße Zähne im dunklen Gesicht sehen.

Ein kleines Mädchen mit nackten Zehen und langem, bunten Kleidchen bettelte mit seinen dunklen Spiegeleieraugen, eine Dose im schmutzigen Händchen. Neugierige und zufällig vorbeikommende Passanten konnten nicht umhin, einen Groschen oder ein paar Kupfermünzen zu opfern. Selbst wir Jungen drehten unsere Taschen um. Zwischen Bindfaden, Taschenmesser, Knickern und dem unglaublich schmutzigen Taschentuch konnte sich ja eine vergessene Kupfermünze verborgen haben. Das Kind belohnte alle Spender mit einem schüchternen Lächeln.

Bärentreiber nannte man sie, doch längst nicht alle Sinti und Roma hatten einen kostbaren Tanzbären. So ein Tier war gewiss eine sichere Einnahmequelle. Sie ließen ihn im Rundgang durch die Straßen tanzen, waren umwittert von Abenteuer und erzeugten einen prickelnden Schauer bei ihren Zuschauern. Man hielt sich auf Abstand, gab es doch die schaurigsten Geschichten von abgerissenen Armen, aufgefressenen Babys und aufgeschlitzten Bäuchen.

Wenn der Tanz auf der Straße nicht genug eingebracht hatte, wurde der Bär an die Haustüren geführt. Durch einen Zug am Nasenring richtete er sich wieder auf den stämmigen kurzen Hinterbeinen auf, machte dann „bitte, bitte" mit den krallenbewehrten Vorderpfoten. Die Leute wagten nicht die Tür zu öffnen, warfen aber wohl einen Groschen durchs Fenster.
Währenddessen klapperte eine kaum beachtete dicke Frau mit gescheiteltem, hinten lang fließenden blauschwarzem Haar die Bäcker der Stadt ab. Sie erbettelte altes Brot, Brötchen, vergammelten Kuchen und steckte alles in einen Sack als Futter für das allesfressende Tier. Bei den Metzgern fragte sie nach Knochen und Fleischabfällen. Wurstendchen steckte sie in eine Tasche ihres weiten Rockes. Ja, ein paar Stunden hielten sie die Stadt in Atem.

Ihr bunter hochrädriger Wohnwagen stand im Taternweg zwischen Lother- und Waldstraße, die mageren Klepper grasten angehobbelt im Straßengraben. Im viereckigen, an Ketten aufgehängten Kasten unter dem Wagen schlief ein Köter. Zur Nacht wurde der Bär mit einer zweiten Kette an der Hinterachse des Wagens festgebunden. Dort war sein Schlafplatz, und dort trottete er auch, wenn sie am nächsten Morgen weiterzogen. Sie durften nur 24 Stunden an einem Ort verweilen! Der Stadtpolizist sorgte dafür, dass sie weiterzogen.

Ich muss gestehen, dass ich von meiner Kindheit eine Schwäche für Sinti und Roma hatte. Solange sie mit ihren Pferdewagen das Land durchzogen, habe ich manche Stunde an ihren Wohnwagen verbracht, habe sogar mit ihnen gehandelt. Die Sinti und Roma zogen damals von Weißrussland über Deutschland, Frankreich nach Spanien und wieder zurück.

Echte Nomaden? Gewiss nicht, denn sie hatten keine Herden, zogen nicht über menschenleere Landstriche, sie zogen durch die Kulturländer über deren Grenzen hinweg. In Ungarn deckten sie sich mit billigen, zähen Pferden ein. Ein paar mehr als sie selbst brauchten, nahmen sie mit zum Verkauf und Tausch. Die Gäule zogen die Wagen wohl etliche tausend Kilometer weit, wenn es lohnte, auch bis in die arabischen Staaten. Dort waren es hauptsächlich kostbare Teppiche um die es ihnen ging.

Es ist schon mehr als 15 Jahre her, da lud ich einen Sinti und Roma ins Haus (in Dänemark) ein, trank Kaffee und einen Kognak mit ihm und erhandelte mir einen schönen, echten Teppich. Ich zahlte die Hälfte seines Schätzwertes, wie später ein Fachmann ermittelte.

Autor: Walther J. Starp 
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