Sprungziele
Inhalt

Walther J. Starp

Der Vater Aloys Starp wurde am 22. Mai 1922 als Bürgermeister in Steinheim eingeführt, und zum 1. Februar 1935 von den Nazis aus dem Amt gedrängt und nach Lügde versetzt. Dort hat man ihn wenig später ohne Pensionsanspruch entlassen. 1945 kam er erneut nach Steinheim, begann den Neubaufbau der Stadtverwaltung und entschied sich aber wenige Wochen später endgültig für Lügde.

Der Sohn Walther kam als Zweijähriger mit der Familie nach Steinheim, war aber schon nach zwei bis drei Jahren stadtbekannt. Als passionierter Jäger nahm ihn der Vater schon früh mit zu seinem Freund, dem damaligen Stadtförster Gottlieb Dittmar, und mit ins Steinheimer Holz. Als Schulkind wurde der Wald sein Lebensinhalt, der Förster sein Vorbild und Vaterersatz für den beruflich stets überlasteten Vater.

Als Bürgermeistersohn war er unter seinen Mitschülern dominant, sowohl innerhalb wie außerhalb der Schule. Das wäre nicht anders gewesen, wenn sein Vater als Tischler sein Geld auf der Möbelfabrik verdient hätte, es war und blieb eben seine draufgängerische Art. Treu geblieben ist er sein Leben lang sich selbst, seinem ausgeprägten Freiheitsdrang, ein Individualist vom Scheitel bis zur Sohle.

Und treu blieb er bis zu seinem Tod der Jagd! Wald und Feld und die freilebenden Tiere waren immer und überall sein eigentliches Zuhause. Schon als Fünfjähriger löste er in der Stadt eine riesig Suchaktion aus, weil er heimlich im Steinheimer Holz wissen wollte, was die Tiere spätabends und nachts machen. Erst am anderen Morgen tauchte er verschlafen wieder auf und verstand die Aufregung der Erwachsenen nicht.

Nach 13 Jahren kam die Vertreibung aus seinem Paradies. Förster Dittmar war 1932 gestorben, der Vater wurde 1935 nach Lügde versetzt, wo sich die Familie lange Zeit nicht wohl fühlte, und Walther besuchte das Gymnasium im nahen Bad Pyrmont. Es war für ihn die Hölle. Von den Lehrern aus politischen und konfessionellen Gründen gemobbt, hatte er kaum eine Chance das Abitur zu bestehen.

Als Lebensziel konnte er sich nur den Beruf als Förster vorstellen. Ohne Abitur, und aus einer politisch unzuverlässigen Familie kommend, bestand dazu nicht die geringste Möglichkeit. Auf Anraten des Vaters meldete er sich freiwillig als Offiziersanwärter zur Wehrmacht. Beim (später nicht anerkannten) Notabitur fiel niemand durch, und als Fahnenjunker oder Offizier standen ihm nach drei Jahren alle Möglichkeiten offen.

Der Krieg machte alle Pläne zunichte. Als Leutnant, später als Hauptmann und Kompanieführer, war er in Polen, Frankreich, Russland und Italien im Einsatz, und aus der Kriegsgefangenschaft entlassen war er ohne Ausbildung und Beruf. Mit dem Vater in Lügde hatte er sich bereits hoffnungslos überworfen. Sie sahen sich nicht wieder. Bis an sein Lebensende war dieser davon überzeugt einen Hambummel großgezogen zu haben.

Als Angestellter einer Bank in Köln heiratete er und bekam später drei Kinder. Aber der Beruf war das Gegenteil seiner früheren Vorstellungen. Nach zwanzig Jahren wechselte er mehrfach und wurde schließlich von seiner Firma beauftragt den Aufbau eines Zweigwerkes in Dänemark zu organisieren. Als die Stammfirma vor der Fertigstellung in Konkurs ging, blieb er in Dänemark. Als Reitlehrer, Gutsverwalter, Lehrer und was sich sonst noch so ergab lebte er dort in den folgenden Jahren. Nebenbei schrieb er Artikel, fotografierte und zeichnete für die führenden deutschen Jagdzeitschriften.
Nach vier gescheiterten Ehen verliebte er sich, bereits im Rentenalter, in eine nur wenig jüngere alleinstehende dänische Frau. Sie hätte gern mit ihm zusammen gelebt, wollte aber auf keinen Fall heiraten. Als katholisch geprägter gläubiger Christ kam für Walther aber eine "wilde Ehe" nicht infrage. So verließ er fluchtartig ihre Nähe und Dänemark und ließ sich um 1991 in Steinheim nieder, wo er in seiner Jugend die glücklichsten Jahre seines Lebens verbracht hatte.

Hier, in der völlig veränderten Stadt, wollte er seine Ruhe finden. Seine früheren Mitschüler erinnerten sich sofort an ihn, an seine Eskapaden und an sein offenes freundliches Wesen. Hier war er schnell wieder beliebt und „zu Hause". Wenigstens glaubte er das. Die Steinheimer Jäger gingen allerdings auf Distanz, er war ihnen zu dominant. In seinen Lebenserinnerungen widmet er ihnen später ein paar bittere Sätze.

In der Everschen Trift lernten wir uns kennen, als er mit dem Fahrrad durch die Natur radelte, im Korb an der Lenkstange die schussbereite Kamera mit Teleobjektiv. Obwohl vom Wesen her eher gegensätzlich, verstanden wir uns gut und hielten in den folgenden Jahren freundschaftliche Kontakte. Die ersehnte Ruhe fand er nicht. Gegenseitige Besuche in Steinheim und in Dänemark brachten keine Lösung. Im Gegenteil: Als die Angebetete ihn nach fast zwei Jahren erhörte, brach er über Nacht seine Zelte in Steinheim ab und zog zu ihr nach Dänemark.

Der Aufenthalt in unserer Stadt hat ihn tiefer berührt, als er selbst wohl gedacht hatte. Nach langen Monaten kam ein erster Brief. Er habe seine Kindheitserinnerungen zu Papier gebracht und mit der Frage, ob ich für des Jahresheft des Heimatvereins oder sonst wo Interesse daran habe. Ich hatte sofort Interesse, aber mit alten Erzählungen und Dönekes ist das so eine Sache. Wenn alle Leser darüber schmunzeln, lächeln oder auch herzhaft lachen, dann sind die betroffenen Familien und Nachfahren schnell tief beleidigt. Das schrieb ich ihm, und das hätte ich nicht tun sollen.

Die meisten Aufsätze hielt er daraufhin erst einmal zurück um sie unter diesem Gesichtspunk durchzusehen. „Da waren die Bergmänner, Schraders, Bickmanns und Penz, die Düwels und Lammersen, der Alte Rade, Tempels Bernhard und Frau Sanitätsrat Schonlau, die als einzige fast täglich noch Tracht trug, und von der ich eine kleine Porzellan-Madonna bekam, die noch heute an meinem Bett steht". So schrieb er, und schickte erst einmal vier ausführliche Manuskripte die er als "neutral“- ansah.

Ich bat ihn dringend um die anderen Aufzeichnungen, aber dann kam erst einmal das Manuskript seiner Lebenserinnerungen - 265 Seiten stark - das er seinen Kindern und deren Generation widmete, und für das er keinen Verleger fand. Telefonisch konnten wir die vielen offenen Fragen nur streifen, er bereitete sich auf einen neuen Aufbruch vor, eine ausgedehnte Großwild-Safari im Inneren Afrikas.

Seine neue Frau war wohlhabend, er musste sich nicht mehr um das tägliche Brot sorgen. So konnte er sich seinen ganz großen Lebenstraum erfüllen und mit ihr die Traumreise antreten. Sie wurde sein Schicksal! In den weiten Steppen zog er sich eine kleine, zunächst harmlose Wunde zu, aus der schnell eine Infektion und schwere Blutvergiftung wurde. Die fachlich gute Behandlung in der Kopenhagener Klinik kam zu spät, er ist daran gestorben.

Ich erfuhr erst Jahre später davon. Heute möchte ich seinen letzten Wunsch erfüllen und in gekürzter Form seine Steinheimer Jugenderinnerungen veröffentlichen: Über das Landleben in der Stadt in all seinen Formen, über seine Erfahrungen mit den Sinti und Roma, den Lügdschen August und Redekers Kruse, den ich als Kind noch selbst kannte. Es sind Erinnerungen an einen höchst eigenwilligen, aber sympathischen „Steinheimer", der unsere Stadt und ihre Bürger von Herzen liebte.

Autor: Johannes Waldhoff 
nach oben zurück