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Der Fickelmarkt

Der monatliche „Fickelmarkt" brachte Leben in die Stadt. Vom Hotel Schäfer mit Schäfers Alex und seinem fülligen Mariechen hinter dem Tresen bis rauf zum Hotel zur Krone mit dem respektlos so benannten Müllers Kuhschwanz an der Theke, standen die quadratischen Kästen. Sie enthielten auf Stroh die Ferkel – umgangssprachlich Fickel genannt - die sich aneinander wärmten, wenn sie nicht gerade an einem Hinterbein für den eventuellen Käufer hochgehoben wurden. Dann quiekten sie wie am Spieß. Bei regem Verkauf quiekte es immer irgendwo.

Jede der Kneipen rund um die Marktstraße hatte irgendwo hinten einen Stall, der mit seinem halbmeterhohen festgetretenen Mist als Ausspann diente. Es kamen ja Leute mit vielen Gespannen aus den umliegenden Dörfern und von weither, die als Käufer oder auch als Verkäufer auftraten. Gleichzeitig wurden Einkäufe erledigt in der Stadt. Die Sattler und Eisenwarenhändler, die Manufakturwarenläden und auch der kleine Schokoladenladen wünschten sich jede Woche einen Fickelmarkt. Den größten Reibach jedoch machten die Wirte. Neben ihren flüssigen Waren verkauften sie auch belegte Brötchen, Soleier und eingemachten Hering als „Zwischenhappen" bei Bier und Korn.

Viele Jahre hindurch kam derselbe Schreihals auf den Fickelmarkt - ein kleiner, krummer Mann mit eingedrückter Nase und schiefer blauer Mütze auf dem dünnbelaubten Schädel. Der sah übrigens aus, als säße er direkt auf Nacken und Brustkorb - das war der Billige Jakob. „Kinder kauft Kämme, es gibt lausige Zeiten!" und ähnliche platte Sätze schrie er auf einem Stuhl stehend, über die Köpfe der Leute hinweg. Vor sich ausgebreitet auf einem langen Brett auf Böcken seine Waren: Kämme, Karten mit Patentknöpfen, Schlipse, Hosenträger, Taschentücher, Bleistifte, Taschenmesser und anderen Kleinkram. In immer neuen Kombinationen hielt er sie in der Linken, die Rechte schlug in den Handteller: „Leute - alles hier - keine drei Mark - keine zwei Mark - eine einzige Mark die ganze Chose. Keiner mehr? Na, zum ersten, zum zweiten — ganze 90 Pfennige - ich gebe noch einen Bleistift zu."

Daneben in seiner schiefen Bude hockte der „Plätzchenonkel" mit selbstgefertigtem Gebäck. Vor allem die großen runden mit gefärbtem Zucker beschmierten Plätzchen, die reißend in der großen Pause von den nahen Rektoratsschülern erworben wurden. Auch er trug eine braune Mütze ohne Kordel, außerdem einen braunen Manchesteranzug mit ausgebeulten Taschen. Er war still und eher mürrisch, doch nahm er selten Ware wieder mit nach Hause.

Bemerkenswert war sein bei Schäfers Alex geparktes Gespann. Ein alter Gaul mit dem schönsten Hahnentritt, den ich je gesehen habe, und nebendran ein noch älteres Maultier. Die Geschirre waren mit „Packband" geflickt, der abgedeckte Leiterwagen ein Museumsstück. Es muss eine Kunst gewesen sein, dieses illustre Gespann einigermaßen im gleichen Zug zu halten, besonders dann, wenn „Plätzchenonkel" bei Alex ein paar Biere und Korne über den Strich getrunken hatte.

Am frühen Nachmittag war alles vorbei. Dann tauchte Pietscheks Gustav von der städtischen Garde auf mit seiner großen Eisenkarre befreite er die ramponierte Marktstraße und die Gossen von den Pferdekütteln, dem Stroh, dem Papier — und manchmal bückte er sich verstohlen nach einer beim Handel verschüttgegangenen Münze. Wenn dann abends der Nachtwächter still und langsam durch die Straßen schritt, war die Stadt wieder wie immer. Irgendwo fischte er dann wohl einen taumelnden Spätheimkehrer auf, führte ihn bis zu seiner Haustür und half ihm, den Schlüssel ins Schlüsselloch zu zielen.

Autor: Walther J. Starp, 18.10.2018 
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