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Der "Lügdsche August"

So ein Städtchen wie Steinheim hatte natürlich seinen Tippelbruder, auch Hambummel genannt. Bei uns amtierte lange Jahre der „Lügdsche August", auch „Fötchen-August" genannt. Eine Reihe von umliegenden Dörfern gehörten auch zu seinem Revier. Sie waren schon eine besondere Sorte Mäuse, diese Hambummels. Viele Leute glaubten, der Drang nach fremden Landen, ewigem Wechsel, hätte sie auf die Landstraße getrieben, doch das stimmt einfach nicht. Sie waren zumeist gutmütige aber arbeitsscheue Leute. Jeder hatte seine Schrullen, und sie fühlten sich wahrscheinlich ganz wohl bei ihrem primitiven Leben auf Pump, ohne Pflichten und Rücksichten.

Unser August war an sich ein intelligenter Mensch. Er wusste auch genau, wo er bei seinen unregelmäßigen Rundtouren ein Butterbrot, einen Groschen oder zur Mittagszeit ein warmes Essen bekam. Er putzte deshalb nicht jede Klinke — rationell wie er nun einmal war.

Rein vom Äußern her war er durchaus Individualist. Wer hat wohl schon drei Jacken übereinander an? Wenn er die oberste auszog, hatte er nackte Arme, das war bequemer. Er trug sie überhaupt nicht wegen der Kälte, denn sie standen immer offen. Da bei seinem speckigen, ebenfalls offenen Hemd die obersten Knöpfe fehlten, konnte man sogar den oberen Teil seiner haarigen Männerbrust bewundern. Nein, er brauchte die Jacken wegen ihrer vielen Taschen, die vollgestopft waren mit lebenswichtigen Utensilien. Was von seinem Besitz da nicht reinging, trug er unter dem Arm, in Zeitungspapier, kreuz und quer verschnürt.

Im Sommer steckten seine nackten Zehen in luftigen, ausgelatschten Sandalen, in den kühleren Jahreszeiten in soliden Rindlederschuhen. Seine Hose konnte im Notfall alleine stehen! Unter dieser Verpackung steckte der kräftige Stumpf von einem Mannsbild. Unter seinem sturmerprobten Filzhut strahlte ein pfiffiges, längliches Gesicht mit blondem, mageren Ziegenbart. Bemerkenswert waren seine großen, klaren und blauen Augen und ein gutgeschnittener roter Mund.

Seine einmalige Gesamterscheinung wurde vom selbstgeschnitzten Wanderstock begleitet, und meistens hörte man ihn lustig flöten. Schlager, sanfte Volksweisen und sogar Opernarien entströmten gekonnt und variationsreich seinem gespitzten Mund. Selbst imitierte Vogelstimmen ließ er einfließen in sein Repertoire. Eben deshalb hieß er auch „Flötchen-August".

Es gab immer mal jemanden, der August Arbeit für ein paar Mark mit Verpflegung anbot, etwa Brennholz machen oder Kohlen schleppen. Doch mit solchen Zumutungen stach man glatt in ein Hornissennest, August tanzte vor Erregung, ließ eine seiner berühmten Schimpf-Kanonaden los und beeilte sich, seine korrumpierte Persönlichkeit in Sicherheit zu bringen.

Ein weiches Herz hatte er aber für Kinder. Im Frühjahr schnitzte er uns Flöten aus Weidenzweigen, im Sommer saßen wir mit ihm auf einer Bank im Freien. Er erzählte dann Schauergeschichten und brachte uns harmlosen Unsinn bei. Selbstverständlich flötete er uns einen zwischendurch. Doch dann stand er plötzlich auf: „So Jungens, jetzt muss ich arbeiten." Damit meinte er natürlich Klinkenputzen. Groschen, eingewickelte Butterbrote, von denen er sich später die besten zum Verzehr aussuchte, den Rest bekamen die Vögel. Auch ein warmes Mittagessen saß dran und beim Tabakhändler ein paar angeknickte Zigarren, die er kunstvoll zu flicken verstand.

Von den Groschen kaufte er einen Buddel, den er in einer seiner Taschen verschwinden ließ. Erst abends, im Nachtlager in einer Feldscheune oder im Stall eines duldsamen Bauern, holte er ihn hervor — sozusagen als Schlafpille. Mit dem Aufstehen am Morgen ließ er sich Zeit.

Die Fußtour zum nächsten Dorf genoss er wahrscheinlich. Gewiss hat er auch die Vögel genarrt und mit ihnen tiriliert. Doch die harten Wintermonate waren ein Problem. Für einzelne Nächte konnte man sich „obdachlos melden" beim Stadtpolizisten Willi Körner. Bis um Siebene musste er antanzen, bekam eine Zelle im Kittchen unter dem Rathaus zugewiesen. Die Pritsche war kein Sofa, doch man bekam zwei Pferdedecken ausgeliehen und von der Polizistenfrau eine warme Suppe im Blechnapf. Für die notwendigen Menschlichkeiten stand in der Zelle eine Blechtonne, die man am nächsten Morgen pikobello zu säubern hatte. Doch das war eben keine Dauerlösung.

Doch August wusste Rat, er war eben ein intelligenter Mensch. Sobald der November begann ungemütlich zu werden, fuhr er mit einem möglichst neuen Fahrrad davon, oder er brach in eine Schule ein, warf innen alles durcheinander, oder er sägte mit einer geklauten Säge den Pflaumenbaum bei jemanden ab, der ihm einmal Arbeit angeboten hatte.

Solche und ähnliche „Delikte" hatten immer die gleiche Folge: Bis zum „Verfahren" saß er im bekannten Kittchen, dann kam sein „Verfahren" und auch da gab es immer dasselbe. Er bekam als Rückfalltäter Gefängnis bis etwa Mitte März. Es gab immer Zuhörer im Gerichtssaal, und einige behaupteten, der Amtsgerichtsrat hätte August ein Auge zugekniept. Er wurde ins Gefängnis überführt, doch da hatte er es warm, verschlief die kalte Jahreszeit auf einer Matratze, und der schmalen Kost hatte er seinen Sommerspeck zuzusetzen.

Wenn dann draußen das Grün sprosste und die Vögel flöteten, flötete ein geläuterter, weniger gewichtiger und etwas bleicher gewordener August lustig mit. Sein „Kuraufenthalt" im Winter wäre einmal fast schiefgegangen. Dabei war alles so sorgfältig inszeniert. Zu sorgfältig, erwies es sich. Ein gutmütiger Metzgermeister ließ sich breitschlagen, hinter dem „Dieb" August herzurennen, der die beiden dicken Würste vorher bezahlt hatte. Haltet den Dieb, schrie er. August rempelte den Stadtpolizisten an, verlor seine Würste und wurde prompt von der Hand des Gesetzes vereinnahmt.
Im Verfahren grinste der Metzgermeister zu auffällig, wurde vom Richter ins Gebet genommen und gestand den sinnvollen Unsinn. August wurde freigesprochen! Doch er verlor nicht die Nerven. Er ließ seine Schimpfkanonade los, die von „Arschlöchern“ wimmelte. Es ging über das hohe Gericht her, und über den Polizisten Körner, und zum Schluss donnerte er: „So nun kriege ich für Majestätsbeleidigung meine drei Monate, basta". Der hohe Amtsgerichtsrat machte das dann auch umgehend rechtens. Es gab ein vor Vergnügen johlendes Publikum und der Herausgeber der Steinheimer Zeitung sorgte dafür, dass nur ein neutraler Zweizeiler erschien.

Der unglückliche August nahm sich später das Leben. Eine unbekannte Nichte erbte das schuldenfreie Haus, das August in Lügde zu Eigen gehabt hatte — und das erheblich aufgelaufene Mietkonto dazu.

Autor: Walther J. Starp 
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