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70 Jahre Mitglied in der Kolpingsfamilie Steinheim


Ein paar Worte – ein paar Gedanken zum heutigen Tage. Bei allen Ehrungen, sei es in der Familie, im Verein oder Beruf, steht das Wort Treue im Vordergrund. So stand es auch auf meiner Einladung zum heutigen Tage: „Anfangen ist das Schwerste – Treu bleiben das Beste“.

Wenn ich 70 Jahre zurück denke, von 1945 bis 2015, dann war es eine lange Zeit. Das beste daran waren 70 Jahre in Frieden und Freiheit! Das war damals nicht so, und alle wissen das zu schätzen welche die Kriegs- und Nachkriegszeit erlebt haben. Ich war 20 Jahre alt, als ich als vierter Sohn aus Ennepotts Hause im Windtor zur Kolpingsfamilie kam. Der damalige Präses Norbert Plümpe hatte zusammen mit acht älteren Mitgliedern zum Neuanfang aufgerufen. 15 junge Steinheimer folgten im Dezember diesem Ruf.

Krieg und Gefangenschaft lagen hinter uns. Kolping hat einmal gesagt: „Ohne Freude kann des Menschen Herz nicht sein – am wenigsten in der Jugend“. Und diese Jugend hatte man uns genommen!

Als ich 1933 in die Schule kam fing der Unterricht in der Nazi-Diktatur schon mit dem Horst Wessel-Lied an: „Die Fahne hoch – die Reihen fest geschlossen ...“ Wenige Wochen später gab es auf dem Internationalen Gesellentag in München die schweren Krawalle mit der SA. Der Steinheimer Gesellenverein, so hieß er damals noch, war dabei.

Die deutsche Jugend stand schon wenig später unter dem Kommando des Reichsjugendführers Baldur von Schirach. Und Hitler trommelte: „Die deutsche Jugend muss schlank und rank sein, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“. In der Schule regierte wieder der Stock, und der Lehrer sagte: „Schaut Euch den Hermann im Teutoburger Wald an, er blickt nach Frankreich zu unserem Erbfeind“.

Und in der 4. Klasse wunderten wir uns, dass der jüdische Mitschüler Herbert Weil nicht mehr bei uns war. Beim Klassentreffen nach 50 Jahren war er aus Chicago herüber gekommen. Er hatte überlebt, sein Vater wurde in Auschwitz ermordet. Als wir im 7. Schuljahr waren, lagen eines Morgens sämtliche Kreuze auf dem Boden. Sie waren von der Wand gerissen. Zu Hause wurde nicht darüber gesprochen, aber uns ging langsam ein Licht auf, dass das Hakenkreuz ein Kreuz mit Haken war. Unser Glaube, vom Elternhaus fest verankert, hat uns dabei geholfen.

Als ich mit 17 Jahren als vierter und jüngster Sohn der Ennepotts eingezogen

wurde, kamen andere Pflichten, und wir hatten uns danach zu richten. Es kamen auch andere Lieder: „Wir werden weiter marschieren bis alles in Scherben fällt...“, oder bei mir, bei der Marine: „Auf einem Seemannsgrab da blühen keine Rosen ...“.

Nach Krieg und Gefangenschaft zurück in Steinheim hörten wir von einem ganz anderen Adolf andere Töne. Adolf Kolping, der uns sagte, „Liebe, Pflicht und Freude tragt in euer Heim“! Wahrlich eine gewaltige Wende!

Aber Anfangen das Schwerste? Die amerikanische Militärregierung hatte das Sagen. Kein Verein wurde zunächst zugelassen, nur Kolping und der Sportverein. Versammlungen nur mit jeweiliger Genehmigung, dazu Strom-sperre, Ausgangssperre, Heizmaterial war mitzubringen. Alle Gaststätten waren beschlagnahmt für Soldaten, Evakuierte und Flüchtlinge, alles ging drunter und drüber. Das Geld war wertlos und der Schwarzhandel kam auch nach Steinheim.

Die Wohnungsnot, Zwangseinweisungen, die vielen Flüchtlinge, die Ausgebombten und Evakuierten und dazu die Lebensmittelknappheit – Deutsch-land war ein Trümmerhaufen! Und das seelische Leid und die Trauer in fast allen Familien. Die Männer, Brüder oder Söhne gefallen oder vermisst. Für die Frauen ein Leben zwischen Hoffnung und Bangen.

Die Not wurde größer. Die Bauern bewachten nachts ihre Felder, oft schrillten die Sirenen. Die ehemaligen Zwangsarbeiter überfielen einzeln stehenden Höfe. Gutspächter Türich wurde in seinem Bett erschossen. Ich selbst habe geholfen Thienhausen zu befreien. Das war alles andere als gefahrlos, die Täter waren bewaffnet, wir hatten nur Knüppel. Elmar von Haxthausen erzählte mir später, zusammen mit seiner Schwester sei er durch den Schlossteich geschwommen und nach Rolfzen geflohen.

Als Zeitzeuge darf ich das berichten. Die Großstädter kamen in Scharen und suchten die letzten Ähren von den längst abgesuchten Feldern, oder sie bettelten um zwei oder drei Kartoffeln. Aber Lebensmittel waren auch in Steinheim knapp. Schlechte Ernten wegen Kunstdüngermangel und hohe Abgabepflichten – Weihnachten 1947 verzeichnete man die höchste Zahl der Selbstmorde die es je in Deutschland gab.

Uns machte Kolping Mut: „Nicht nachlassen“! So zählten wir 1948 schon wieder 95 Mitglieder. Höhepunkt war dann die 60-Jahrfeier im Mai 1949, mit einer großen Handwerkerausstellung im Schützenhaus und großartigem Festumzug. Fast zeitgleich fand im Juni in Köln die 100-Jahrfeier des Kolpingwerkes statt. Tausende aus ganz Europa und Amerika knieten vor der

von Trümmern freigelegten Grabstätte Kolpings. Seine Grabkirche, die Minoritenkirche, lag noch in Schutt und Asche.

Wir waren dabei, und es war überwältigend! Unter einem Meer aus Bannern wurden Glückwünsche aus aller Welt überbracht. So sagte der Senior der Kolpingsfamilie Los Angeles folgendes: „Die amerikanischen Gesellen sind stolz auf euch – weil ihr euch in so kurzer Zeit aus den Ruinen heraus gearbeitet und den Geist Kolpings wieder in Bewegung gebracht habt.“.

Das war ein kleiner Rückblick eines 90-jährigen Zeitzeugen über die Nazi-, die Kriegs- und die frühe Nachkriegszeit. So möchte ich euch heute zurufen: Behaltet die Treue zu Kolping und seinem Werk. Seine richtungweisenden Worte sind so aktuell wie vor 150 Jahren! Stellt in seinem Sinn Religion und Tugend in den Vordergrund eures Lebens, dann könnt ihr mit Mut in die Zukunft schauen.


Treu Kolping.

Autor: Hermann Pott 
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