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Das Textilhaus Simon

Der Überfall

Im Spätsommer 1945 bekamen die Textilgeschäfte Simon und Schmitt-Degenhardt vom Rathaus Nachricht, sie sollten mit Pferdewagen aus einer Scheune des Rittergutes Vinsebeck Bekleidung abholen und zur Verteilung an die Steinheimer Bevölkerung bereithalten. Das war eine Sensation und in Simons Auftrag holte der benachbarte Bauer Karl Pelle einen Kastenwagen voll Kleidungsstücke nach Steinheim. Er stellte den Wagen auf seiner Deele ab, weil noch nicht klar war, wie die Verteilung vor sich gehen sollte. Nicht nur das Geld, auch die früher so heiß begehrten Kleiderpunkte hatten ihren Wert eingebüßt, weil seit dem Sommer des Vorjahres keinerlei Textilien mehr geliefert wurden.

Praktisch wusste hier noch niemand von dem sagenhaften Schatz, als auf unbekannten Wegen die früheren Zwangsarbeiter davon erfahren hatten, die irgendwo in der Nähe in einem provisorischen Lager untergebracht waren. Sie hatten in den Kriegsjahren die gleichen Lebensmittelkarten wie die einheimische Bevölkerung bekommen, also nicht hungern müssen. Aber von der Kleiderkarten-Zuteilung waren sie grundsätzlich ausgeschlossen.

Das wollten sie nun nachholen. Hermann Pelle erinnert sich noch heute: „Am frühen Abend, gleich nach der Sperrstunde, kamen sie weithin hörbar von der Detmolder Straße her die Neue Straße herauf. Es mochten vierzig bis fünfzig Männer sein, Polen und Ukrainer. Einige wollten in unser Haus eindringen, wohl auf der Suche nach Schinken und Wurst. Dort hätten sie natürlich den Textilschatz sofort entdeckt. Aber unser Pole stellte sich in die Haustür und erklärte ihnen, dass hier ein guter Mann wohne“.

Sie wandten sich dann auch sofort ihrem eigentlichen Ziel, dem Textilhaus Simon, zu. Die Brüder Franz und Ludwig Simon hatten es 1932/33 von Textil-Schrader übernommen und wohnten mit ihren Familien und den damals acht Kindern im Obergeschoss über dem Laden. Hinter dem Haus bis zur Neuen Straße hin lag ein großer Garten, der rings von einer hohen Mauer eingefasst war.

Über die Mauer und das Tor neben der damaligen Mützenfabrik Dreesen drangen sie in den Garten und von hinten in das Haus ein. Beide Familien wurden in ein Badezimmer gesperrt, und dann begann die Plünderung. Die gesuchten Textilien fanden sie natürlich nicht. Dafür nahmen sie alles mit was irgendwie nach Kleidung aussah, aus dem Laden, dem Lager und aus beiden Wohnungen.

Als Franz Simon sah wie sie die Mauer überstiegen und auf das Grundstück eindrangen, sammelte er alle Wertgegenstände, Schmuck und Armbanduhren ein und verschloss sie in dem auf dem Flur stehenden uralten riesigen Geldschrank. Den Schlüssel hatte er „verloren“. Aber mit einer geladenen Pistole am Kopf fiel ihm dann blitzschnell ein wo er ihn suchen musste. Die Horde hatten ganze Arbeit geleistet, als sie abzog waren beide Familien bettelarm.

Nachschub an Textilien gab es übrigens auch nicht. Anders als die Zivilverwaltung und Stadtkommandantur auf dem Rathaus angenommen hatten, handelte es sich nicht um „herrenloses Gut“, sondern um ein Lager der früheren Familien Leonhard Tietz (Kaufhof) oder Hermann Tietz (Hertie). Beide Firmen waren 1938 von den Nazis „arisiert“ worden. Aber jetzt machten sich alte Beziehungen bemerkbar, schon wenige Tage später wurden alle Waren von Militärfahrzeugen abgeholt und nach Duisburg transportiert.

Die Tauschzentrale

Die Schaufenster der Textilhäuser Simon, Schmitt-Degenhardt und Blume waren auch in den Kriegsjahren dekoriert. An den Ärmeln der Puppen hingen die Schilder, auf denen jetzt jedoch nicht nur der Preis, sondern vor allem die Anzahl der benötigten Kleiderkarten-Punkte stand. Sie waren dann später sinnlos geworden und durch das Schild „Unveräußerliche Dekoration“ ersetzt, weil es einfach nichts mehr zu verkaufen gab. Bei Simons war nun nicht mal mehr eine Dekoration vorhanden.

Das war wohl 1946 der Grund in den Geschäftsräumen eine Tauschzentrale einzurichten. Im Nu waren die Schaufenster und der Laden wieder voll Waren. An jedem Teil hing ein Zettel mit dem Tauschgesuch. Für ein altes Grammophon wurde ein Bügeleisen gesucht, für eine Damenjacke ein Kinderroller – es gab kaum etwas was nicht angeboten oder gesucht wurde. Der Handel war an seine archaischen Wurzeln zurück gekehrt.

Ich hatte nur eine Begegnung mit der Tauschzentrale Simon, die ich aber nie vergessen habe. Sie hat eine Vorgeschichte. Jungen bis zum 14. Lebensjahr trugen kurze Hosen. Zumeist waren es gestrickte enganliegende dunkelblaue Bleyle-Hosen, die kurz unter dem Knie endeten. Auf den Fotos aus dieser Zeit sind sie noch allgegenwärtig. Kombiniert wurden sie im Sommer mit Kniestrümpfen oder Socken, im Winter mit langen Wollstrümpfen. Zur Schulentlassung gab es einen Anzug, von da an wurden lange Hosen getragen.

Diese scheinbar gottgewollte Ordnung wurde von der Hitlerjugend ausgehöhlt. Die trugen als Uniform und auch darüber hinaus im Sommer kurze Hosen, die eine Handbreit über dem Knie endeten. Im Winter waren es dunkelblaue Skihosen aus festem Stoff, die mit einem Gummisteg unter dem Fuß her stramm in Form gehalten wurden.
Zum Ende des Krieges traten dann diese Skihosen auch bei uns Kindern im Jungvolk auf. Allerdings nur in Familien die „Beziehungen“ hatten oder die bereit waren aus Begeisterung alles zu opfern um auf ihren Jungvolk-Pimpf stolz sein zu können. In meiner Familie fehlte beides, eine schicke Skihose würde für mich immer ein Traum bleiben. Damit konnte und musste ich leben. Die Katastrophe brach dann Weihnachten 1946 über mich herein.

Lange Strümpfe hielten immer nur ein Jahr. Beim Spielen stürzten wir oft und die dabei entstandenen Löcher vor dem Knie wurden gestopft. Und das Gestopfte wurde wieder gestopft, bis das System an seine Grenzen stieß. So war dann jedes Mal die Freude groß wenn die Lehrerin-Tante aus Düsseldorf zu Weihnachten für jeden von uns dreien ein Paar dicke handgestrickte Wollstrümpfe mitbrachte. Sie kratzten fürchterlich, aber andere gab es nicht.

Solche Strümpfe waren bei allen Kindern braun, selten mal grau. Meine neuen waren schwarz! Ob der aufgeribbelte Pullover vorher schon schwarz war, oder ob beim Umfärben etwas schief gegangen war, was beinahe die Regel war, weiß ich nicht. Jedenfalls hasste ich sie vom ersten Moment an, und von den Mitschülern musste ich manche Stichelei ertragen. Hätte ich doch nur eine Skihose!

So fiel ich fast um als mir meine Tanten wenig später sagten: „Du bekommst eine Skihose. Sie liegt bei Simons im rechten Schaufenster. Du kannst hingehen und sie dir ansehen. Ich ging nicht hin, ich rannte! Natürlich war es keine Skihose, sondern eine Trainingshose aus ziemlich plürigem Stoff, wie sie in dieser Zeit bei Erwachsenen und Jugendlichen üblich wurden. Sie hatte auch keine Bügelfalte und keinen Steg unter dem Fuß, sondern einen Gummizug in Höhe der Knöchel. Und die Farbe war nicht dunkelblau, ich habe sie als ein grüngraues Mittelblau in Erinnerung.

Aber wenn meine Tanten bereit waren dafür eine gute Wolldecke zu opfern, dann hatte ich meine Enttäuschung bitte schön tapfer herunter zu schlucken und mich riesig zu freuen. Es war meine erste lange Hose, sie war neu, saß schön warm und die gehassten schwarzen Strümpfe waren nicht mehr zu sehen. Nein, geliebt habe ich sie nicht. Aber außerhalb der Schule habe ich sie so lange getragen bis sie buchstäblich auseinander fiel, was bei den damaligen Stoffqualitäten gar nicht so lange dauerte.

Autor: Johannes Waldhoff 
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