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Der erste Schultag

Schon oft habe ich mich darüber gewundert, was manche Menschen alles behalten haben. Aus ihrer Schulzeit zum Beispiel. Doch je länger ich über meine eigene Schulzeit nachdenke, umso mehr fällt auch mir ein. Viele Erinnerungen werden wach, obwohl ich heute nicht einmal mehr weiß, ob meine Mutter mich am ersten Schultag überhaupt zur Schule bringen konnte.

Wir bauten gerade unser neues Haus, und Mutter, die ihr viertes Kind erwartete, half Tag für Tag auf der Baustelle mit. Eine Schultüte hatte ich jedenfalls nicht, das war zu der Zeit noch etwas extravagantes. Woran ich mich allerdings deutlich erinnere, ist meine Schultasche, die ich am Arm trug: aus Bast geflochten, rot und weiß, ein Knebelknopf als Verschluß. Ich fand sie zwar schön, hätte jedoch lieber einen richtigen Schulranzen gehabt. Alle anderen Kinder kamen mit einem braunen oder schwarzen Ledertornister zur Schule. Meine Eltern konnten mir keinen kaufen, weil einfach kein Geld da war.

Unsere Schule lag an der Hollentalstraße, es war nicht weit bis dahin. Die schmale ungeteerte Straße hieß „Hinter der Mauer“, links und rechts viele Gärten, in denen neben Kartoffeln, Erbsen und Bohnen auch Pfingstrosen, Malven und Goldlack wuchsen. Auf meinem täglichen Schulweg machten mir zwei Hindernisse schwer zu schaffen und oft nahm ich deshalb den Umweg über die Neue Straße und Rochusstraße. Vermutlich lernte ich damals bereits, Schwierigkeiten lieber aus dem Wege zu gehen.

Dort, wo jetzt die Kreissparkasse steht, lag nämlich der Bauernhof Penz und nur wenige werden sich an ihn erinnern, wenn sie heutzutage das Bankgebäude betreten, auch nicht an den Misthaufen mit seinem angriffslustigen Gänserich. Mir blieb er unvergessen, wie habe ich das Biest gehasst. Und welche Erleichterung, wenn das Gatter zugesperrt war. Doch leider stand es meistens sperrangelweit auf. Alptraum meiner Kinderzeit.

Er endete erst an jenem Tag, an dem mein Vater mit mir ging und dem widerlich zischenden Gänserich kräftig auf den Schnabel trat, bevor er zubeißen konnte. Vater trug benagelte Arbeitsschuhe. Wahrscheinlich sind Gänse gar nicht so dumm – jedenfalls suchte das Tier fortan laut schnatternd das Weite, wenn mein Vater an der Miste vorbeikam.

Hundert Meter weiter lag Lammersens Metzgerei. Dort wurde auch geschlachtet. Jauche und Blut flossen ungehindert auf den Pfad und verwandelten ihn in eine wabbernde, glitschige Masse. Es stank entsetzlich, ich ekelte mich und hatte Angst auszurutschen. Hinzu kam das ohrenbetäubende Quieken der Schweine in höchster Todesnot. Als Entschädigung aber passierte ich anschließend Manegolds Bäckerei, aus der es jeden Morgen köstlich nach frisch gebackenem Brot duftete.

Dann das klitzekleine Fachwerkhaus, in dem Litzinger wohnte. Er besaß den Schlüssel zur Schule und tat immer so, als wäre sie sein ganz persönliches Eigentum. Im Winter schaufelte er auf dem Schulhof den Schnee beiseite und zur Sommerzeit nahm er auf dem Dachboden unsere Tüten mit Kamillen- und Taubnesselblüten in Empfang.

Hundert Gramm, vielleicht waren es auch nur fünfzig oder noch weniger – musste jedes Kind in den Sommerferien sammeln und so seinen Beitrag zum Endsieg leisten. Tee würde an der Front dringend benötigt, hieß es. Bangen Herzens stand ich jedes Mal vor dem bärbeißigen Mann. Ob ich wohl genug gesammelt hatte? Getrocknete Blüten wiegen ja fast nichts. Einige Kinder mischten deshalb heimlich Kieselsteinchen unter den Inhalt ihrer Tüten, doch das wagte ich nicht.

Litzinger hisste die Hakenkreuzfahne der Schule, wenn er musste und holte sie wieder ein. Er versorgte die Heizung und rieb bei der Grundreinigung in den Ferien die knarrenden Treppenstufen mit Öl ein. Dabei half ihm seine Frau.

Manchmal arbeitete sie morgens im Garten oder saß auf einem Stuhl vor dem Haus, wenn ich dort vorbeikam. Ihr Gesicht war durch Warzen ziemlich entstellt und der verwachsene Fuß steckte in einem hohen Schnürstiefel. Und obwohl sie meinen Gruß stets freundlich erwiderte, schien sie mir in meiner kindlichen Vorstellung unheimlich. Ich fürchtete mich vor ihr. Lange Zeit glaubte ich, jede Schule hätte einen Litzinger und begriff erst später, dass dies lediglich der Name unseres Hausmeisters war.

Die Schule hatte zwei Eingänge, einen für Jungen, einen für Mädchen, und selbst auf dem Schulhof trennte ein hohes Eisengitter beide Geschlechter fein säuberlich voneinander. An meinem ersten Schultag stand ich nun da unter den Kastanienbäumen mit einer rotweißen Basttasche am Arm und prompt riefen einige Jungen jenseits des Zaunes: „Bäh. Die hat ja nicht mal `nen richtigen Tornister!“ Ich schämte mich und fing an zu weinen. Plötzlich hörte ich: „Laßt sie in Ruhe, die sind doch am Bauen! Wenn eure Eltern am Bauen wären, hättet ihr auch keinen richtigen Tornister!“

Kropps Franz rief es über den ganzen Jungenschulhof. Franz war der Sohn unseres Nachbarn, wir spielten fast jeden Tag zusammen. Das tröstete mich ein wenig, doch später im Klassenzimmer flossen erneut Tränen. Fräulein Krömeke, unsere Lehrerin, reagierte sehr teilnahmsvoll. Sie spürte wohl, dass es um mehr als nur die Schultasche ging. Zu Hause erzählte ich alles meinen Eltern. Wie sie es fertigbrachten, von sage und schreibe 120 Reichmark Monatslohn ein Haus zu bauen und mir sehr bald einen wunderschönen, hellbraunen Ledertornister zu kaufen, bleibt mir bis heute ein Rätsel.

Viele Jahre sind inzwischen vergangen. Vor mir liegt ein abgegriffenes Foto im 6x9-Format, mit einer Boxkamera in Kropps Garten aufgenommen, die gezackten Ränder verknickt, eingerissen obendrein. Ich schaue es mir an. Ja, genau so sah es früher aus: der Spalierbirnbaum an der Hauswand, seine Äste wachsen beinahe in die Schlafzimmerfenster. Und davor steht Franz mit seinem Tornister auf dem Rücken. Verlegen lächelnd schaut er zu Boden. Die Hose ist ihm viel zu groß, sie reicht fast bis unter die Achseln und wird durch Hosenträger gehalten. Rechts von ihm stehe ich, trage über dem dunklen Kleid eine helle Schürze mit Volants, die Mutter selbst nähte. Am Arm hängt meine Basttasche, lustig baumeln Schwamm und Tafellappen an der gehäkelten Schnur.

Nein, traurig sehe ich auf dem Foto nicht aus. Ich blinzle in die Sonne, lächele und halte den Kopf schief wie auf fast allen meinen Kinderfotos. Auf der Rückseite des Bildes steht in akkurater Kinderschrift Der erste Schultag, Ostern 1938. Damals war ich fest entschlossen, Franz zu heiraten, wenn ich erst mal groß wäre. Doch daraus wurde nichts, denn später fand ich ihn genau so affig und unausstehlich wie alle anderen Jungen.
Beim Klassentreffen vor ein paar Jahren sah ich Franz wieder. Er erzählte von Juliane, seiner Tochter, von seiner Herzoperation in London und wie er dem Tod gerade noch einmal von der Schippe gesprungen sei. An meine Schultasche aus rotem und weißen Bast erinnerte er sich nicht mehr.

(Aus: Margret Bonnè, Vierzehnmorgen und andere Geschichten. S. 14-17. Eigenverlag 46863 Ahaus.)

Autor: Margret Bonné 
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