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05. April 1945: Einmarsch der Amerikaner

Meine Erinnerungen, ich war erst 11 Jahre alt, sind sicher durch spätere Gespräche über diese Tage durch Erinnerungen anderer ergänzt worden.

Da unser damaliges Geschäfts- und Wohnhaus sehr leicht gebaut war und der Keller keinen Schutz bot, war uns als Luftschutzraum der Keller im gegenüberliegenden Haus, genannt „Westphals Haus“, dem heute noch vorhandenen roten Backsteinbau, zugeteilt worden. Um in schwieriger Situation nicht die Straße überqueren zu müssen, hatten meine Eltern dort zwei Zimmer angemietet, in denen geschlafen wurde.

Im Februar/März 1945 wurde zwischen der Gastwirtschaft Linz und dem Hause Schonlau eine Panzersperre gebaut. Sie bestand aus zwei Reihen aufrecht eingegrabener Baumstämme, deren Zwischenräume mit Bruchsteinen gefüllt waren. Die Panzersperre bestand aus zwei Teilen. In der Mitte war eine Durchfahrtöffnung, die durch mit Bruchsteinen gefüllte Holzrollen geschlossen werden sollte. Die Holzrollen wurden durch Drahtseile und Keile gehalten, die zur Sperrung mit einer hinterlegten Drahtschere durchtrennt werden sollten. Diese Drahtschere war von einem Nachbarn (Ludolf), wie erst später bekannt wurde, versteckt worden und war somit zum Verschluss der Sperre nicht verfügbar. Der Versuch, die Keile unter den Rollen durch Handgranaten zu sprengen blieb erfolglos. Somit blieb die Panzersperre offen.

Der Sinn dieser Sperre war sowieso fraglich, denn die Bahnhofsstraße war offen und ein Panzer wäre sicher problemlos um das Haus Schonlau und durch den angrenzenden Garten gefahren.

Am Spätnachmittag des 4. April 1945 stand vor unserem Haus ein deutscher Panzer vom Typ „Königstiger“ in Richtung Panzersperre. Er hatte keinen Treibstoff mehr. Für uns Kinder war der Panzer ein Erlebnis. Wir durften ihn besichtigen. Nachts wurde Treibstoff aufgefüllt und der Panzer wendete. Mit seiner 8,8 cm Kanone verbog er den Gittermasten zwischen Westphals Haus und dem Haus Dr. Kass. Der Strom war nicht abgeschaltet und es gab durch die sich berührenden Drähte ein taghell erscheinendes Feuerwerk. Der verbogene Gittermast hat, wenn ich mich recht erinnere, so lange gestanden, bis Erdkabel verlegt wurden und die Strommasten aus Steinheim verschwanden.

In der Nacht zum 5. April war lautes Motorengeräusch aus Richtung Horn - Bad Meinberg zu hören. Am Tag hatten wir Kinder vom Dachfenster des Westphalschen Hauses versucht, schon mal etwas zu sehen, doch unser Vater beförderte uns energisch in den Schutzkeller.

Die Zeit verging. Wir hörten Schüsse und auch Granateinschläge in der Nähe. Die Eingangsveranda des Hauses Westphal wurde durch einen Granattreffer zerstört. Dann hörte man Stimmen, bald war es ruhig. Eine Granate schlug auch auf unserem Grundstück ein, nur wenig entfernt von der Stelle, an der mein Vater gemeinsam mit Nachbar Küting die Köngsinsignien des Bürgerschützenvereins vergraben hatte. Mein Vater war der letzte Vorkriegs-Schützenkönig in Steinheim.

Meinem Vater, er war aufgrund einer Verwundung aus dem 1. Weltkrieg nicht eingezogen worden, hatte man geraten, seine Rote-Kreuz-Uniform anzuziehen. Als Kreisbereitschaftsführer hatte er Schulterstücke ähnlich denen eines Hauptmanns. Er ging nach oben, sah am Bürgermeisterhaus (das Haus vor der Post) amerikanische Offiziere mit dem Bürgermeister sprechen. Er ging hin und beteiligte sich an den Übergabeverhandlungen.

Da man keinen Gefechtslärm mehr hörte, waren wir Kinder inzwischen auch nach oben gegangen, standen an der Straße und sahen Panzer auf Panzer, Jeep auf Jeep durch die offen gebliebene Sperre in die Stadt fahren.

Meinen Vater sahen wir plötzlich auf der Motorhaube eines Jeeps sitzen. Man fuhr mit ihm durch die Stadt, und er rief auf Anweisung der Amerikaner den an den Straßen stehenden Steinheimern zu, zu ihrem eigenen Schutz wieder in die Häuser zu gehen, da die Kampfhandlungen noch nicht beendet seien.

Er wurde dann bei Ottomeyer in der Detmolder Straße zusammen mit einigen in Steinheim gefangen genommenen deutschen Soldaten mit einem LKW nach Nieheim gebracht. Proteste meines Vaters, er sei Rote-Kreuz-Mann und kein Soldat wurden ignoriert. Später stellte sich heraus, dass dem einfachen GI Uniformen beim Roten Kreuz nicht bekannt waren. In Nieheim konnte mein Vater einen amerikanischen Offizier sprechen, der ihn dann entließ. Er machte sich am nächsten Tag in geliehenem Zivil zu Fuß auf den Weg nach Steinheim. Bei Wellenholzhausen kamen ihm bewaffnete, nun ehemalige (wahrscheinlich russische) Kriegsgefangene entgegen. Er rechnete mit dem Schlimmsten. Doch kurz vor dem Zusammentreffen kam ein amerikanischer Jeep angefahren, dessen Besatzung die Waffen einsammelte. Mein Vater hat dann glücklich sein Zuhause wieder erreicht.

Direkt durch die Kampfhandlungen in Steinheim hat es weder auf amerikanischer noch auf deutscher Seite einen Todesfall gegeben.

Etwas Besonderes, so denke ich, sollte erwähnt werden. Bei der Einnahme und noch Tage danach hatten wir Strom und Telefon.

Während des Krieges (von Herbst 1939 bis Frühjahr 1945) hatten wir drei polnische Kriegsgefangene als Arbeiter in der Gärtnerei. Sie waren, so haben wir Kinder es empfunden, Teil der Großfamilie. Meine Mutter kochte für sie und gegessen wurde im selben Raum. Die Partei hat dies kritisiert, aber da das Haus zu klein und ein anderer Raum nicht da war, wurde es murrend hingenommen. Meine ersten Skier haben mir die drei „gebaut“.

Einer dieser drei (sie hießen ja nicht mehr Kriegsgefangene sondern Fremdarbeiter), Hieronymus Piontek war sofort Verbindungsmann aller ehemaligen Fremdarbeiter und Kriegsgefangenen in der amerikanischen Kommandantur in der Hospitalstraße. Dort hatte er regelrecht ein Büro.

Meinem Vater besorgte er eine Fahrerlaubnis für das ganze von Amerikanern besetzte deutsche Gebiet:

  1. Für den Krankenwagen (kein Krankenwagen im heutigen Sinne, sondern ein einfacher Opel Olympia), da mein Vater während des Krieges (und noch lange danach) den Krankenwagen fuhr,
  2. Privat und fürs Geschäft.

Auch ausreichend Treibstoff besorgte er. Von Behörden in Stadt und Kreis wurde mein Vater beneidet, denn sie kamen nicht in den Besitz einer solchen Erlaubnis.
Erwähnenswert ist auch: Die beiden anderen Polen versorgten während der für uns Deutsche geltenden Ausgangssperre die Gärtnerei. Die Pflanzen in den Gewächshäusern hätten diese Zeit sonst nicht überstanden und wären eingegangen.

Autor: Franz Hörning 
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