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Volkssturm-Ausbildung im Rathaus

Es war wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die Truppen der westlichen Alliierten hatten schon große Teile des Rheinlands, Hessens und auch des Münsterlandes besetzt. Von den Nazi-Größen wurde die drohende Niederlage ignoriert, man wollte sie einfach nicht sehen. Deshalb hatte man schon längst eine Heimatfront aufgebaut, den sogenannten „Volkssturm“. Da hinein hatte man alle diejenigen Männer verpflichtet, die als Frontsoldaten ungeeignet waren, sei es aus Alters- oder Gesundheitsgründen.

Es war an einem Sonntagvormittag. Wir, mein jüngerer Bruder Josef und ich, konnten von unserem Haus am Grandweg aus den Kirchplatz gut überschauen. Viele Menschen strömten um zehn Uhr zum Hochamt in die Kirche. Das Hochamt hatte längst begonnen, da standen noch ein Teil der Männer am Rathaus. Sie verschwanden dann in den Räumen der damaligen Rektoratschule. Unsere Mutter klärte uns auf. Ach ja, sagte sie, wieder mal eine Übung des Volkssturms.

Die Teilnahme daran war natürlich Pflicht. Um elf Uhr war das Hochamt beendet und die Leute eilten nach Haus. Eine halbe Stunde später gab es einen ohrenbetäubenden Knall. Wir sahen wie die Männer des Volkssturms in Panik aus dem Rathaus flüchteten, wahrend gleichzeitig dichter Qualm aus Fenstern und Türen quoll. Komm mit, rief ich meinem Bruder zu, da ist etwas passiert!

Wir rannten hin, doch es war kein Mensch mehr da. Türen und Fenster der drei Klassenräume im rechten Teil der Rektoratschule waren weit offen. Der Rauch hatte sich schnell verzogen, aber es stank noch fürchterlich. Im rechten Klassenzimmer, in dem die Explosion stattgefunden hatte, sahen wir was passiert war. Es lag noch einige Munition auf dem Tisch, darunter zwei Panzerfäuste. Die kannten wir als Kinder schon von früheren Übungen des Volkssturms her. Auf dem Pult lag eine abgeschossene Panzerfaust, und in der Decke klaffte ein Loch von über einem Meter Durchmesser, durch das man in den Rathaussaal sehen konnte.

Es war nicht schwer zu kombinieren. Der Ausbilder von der Waffen-SS hatte das Zünden einer Panzerfaust demonstriert und dabei die Attrappe mit einer scharfen Waffe verwechselt. Glücklicherweise hatte er den Sprengkopf nach oben gehalten, so ist keiner der Männer dabei zu Schaden gekommen.

Der Vorfall war natürlich Tagesgespräch. Dass er der örtlichen Parteiführung peinlich war, zeigte sich schon daran, dass in der Stadt offen kaum darüber gesprochen wurde. Und natürlich gab es auch in der Tageszeitung und dem NS-Volksblatt keinen Bericht dazu. Der Einmarsch der amerikanischen Truppen erfolgte dann wenige Tage später am 5. April 1945, Panzerfäuste wurden dabei nicht eingesetzt.

Autor: August Waldhoff 
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