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Unandächtiger geht es nicht

Am frühen Morgen des 6. April 1945 weckte mich meine Tante in aller Herrgottsfrühe. Sie müsse zur Kirche, habe aber allein Angst und ich solle als Messdiener mitgehen. Immerhin war ich schon zehn Jahre alt und würde sie wohl beschützen, wenn es nötig sein sollte! Sie hätte kaum geschlafen erzählte sie, bis vor zwei Stunden wären ständig die Panzer gefahren. Sofort war ich hellwach.

Ich wohnte damals bei meinem Großvater in der Gartenstraße. Mein Vater war seit Kriegsbeginn Soldat oder dienstverpflichtet und wurde als Küster in der Kirche von meiner Tante vertreten. Am frühen Nachmittag des Vortages hatten die Amerikaner Steinheim besetzt, und nun bot sich mir die Möglichkeit zu sehen, wie sich die Dinge entwickelt hatten.

Was ich dann sah war atemraubend. Auf der gesamten Marktstraße standen in Fahrtrichtung Pyrmonterstraße in mehreren Reihen dicht bei dicht Militärfahrzeuge und dazwischen leichtere und mittlere Panzer. Die zugehörigen Soldaten lagen auf den Bürgersteigen und schliefen tief und fest. Weil es noch fast dunkle Nacht war stolperten wir im wahren Sinn des Wortes in Richtung Kirche, über Soldatenbeine und Geräte hinweg.

Vor der Kirche angekommen war dann unsere Abenteuerreise zu Ende. Die Soldaten schliefen so dicht, dass die letzten zehn Meter nicht zu schaffen waren. Aber vor Aufregung sah ich keine Soldaten und keine Kirche. Nebenan auf dem Kirchplatz unter den hohen Lindenbäumen standen die größten Panzer, die ich je gesehen hatte. Es mögen 15 bis 20 gewesen sein. Für mich waren es aber viel mehr, weil ich in der beginnenden Dämmerung ja nur die vorderen sehen konnte.

Meine Tante wollte umkehren, ich wollte zu den Panzern. Von dem kurzen Wortwechsel wurde ein Soldat wach und sah uns fragend an. Meine Tante zeigte zur Kirche, ein kurzes Kommando, die Männer zogen ihre Beine ein und schliefen sofort weiter. Vor der Turmtür war es erneut vorbei, die Soldaten lagen zu dicht und die Tür ging nur nach außen auf. Wieder ein kurzes Kommando und wir konnten hinein.

Da standen wir nun allein in der stockdunklen Kirche. Die großen Fenster waren seit Jahren verdunkelt, die kleinen Rollos im unteren Teil ließen kaum etwas von dem Dämmerlicht draußen herein. Als wir gerade wieder gehen wollten, war da plötzlich ein furchtbares Geräusch. Es war nur das Schloss der Sakristeitür, und von dort kam jemand! Hallo rief meine Tante laut – es war Pastor Dohle! Mit einer Kerze in der Hand kam er durch die Kirche zu uns in den Turm.

Nach einem Moment der Ratlosigkeit sagte er zu meinem Entsetzen: „Wir leben noch! Wir wollen zum Dank eine heilige Messe feiern“! Und ich hatte gehofft wir gingen nach Haus und ich könnte mir draußen die Panzer ansehen und allen meinen Freunden davon erzählen. Aber vielleicht würde die Messe ja nicht lange dauern? Mit nur zwei Besuchern? Es kam anders.

Gerade wollten wir in Richtung Altar gehen, da drehte der Pastor sich um. „Wir dürfen wieder läuten“ – er sagte es nicht, er schrie es fast! Dann riss er das Seil von der Wand und zog und zog. Es sagte einmal bimm und einmal bamm, das war es. Ich stand fassungslos dabei: Er konnte nicht läuten! Er war Pastor und konnte nicht läuten! Man muss beim Läuten einen Rhythmus finden, die Glocke ausschwingen lassen und erst dann wieder ziehen. Das konnte er nicht oder er hatte es vergessen. Wahrscheinlich war er aber nur zu aufgeregt.

Bei den örtlichen Parteigrößen hatte er auf der „Abschussliste“ obenan gestanden, und er hatte am Vortag als erster auf dem Kirchturm die weiße Fahne gehisst und die Stadt vor einer Katastrophe bewahrt. Jeder Deutsche war also verpflichtet ihn sofort zu erschießen! Beim Anblick der vielen Amerikaner in seinem Pfarrgarten war ihm nun ein riesiger Stein vom Herzen gefallen, er lebte noch! Meine kindliche Autoritätsgläubigkeit hatte allerdings bei seinem Läuteversuch ihren ersten Knacks bekommen.

Die Messe war angefangen, mit vier brennenden Kerzen statt zwei, und meine Tante gab die lateinischen Antworten und betete auch das „Suszipiat“. Ich war ja in Gedanken bei den Panzern! Da knarrte die Turmtür und leise Schritte kamen herein, erst einige, dann immer mehr. Umsehen durfte ich mich nicht, ich kniete ja am Altar. Aber als ich zur Opferung Wein und Wasser holte, sah ich sie: In dem fahlen Dämmerlicht unten in der Kirche standen wohl vierzig amerikanische Soldaten. Stumm, ohne ein Wort oder ein Geräusch zu machen. Sie standen einfach nur da.

Plötzlich rief jemand einen englischen Befehl in die hallende Kirche, und die Soldaten gingen eilig und geräuschvoll hinaus. Dann sprangen Motoren an, zunächst auf der Marktstraße, dann, mir blieb fast das Herz stehen, die Panzermotoren nebenan. Die Luft vibrierte, die Kirche bebte, meine Tante starb fast vor Angst, der Pastor las unbeeindruckt seine Messe weiter und ich hätte vor Enttäuschung fast geheult. Meine Panzer fuhren ab ohne dass ich sie richtig gesehen, geschweige denn gezählt hatte. Wem wollte ich nun davon erzählen?

Der Rückweg nach Hause war ereignislos. Neben dem Kirchturm lagen ein Dutzend Panzerfäuste. Gesehen hatte ich schon welche, aber noch nie eine in der Hand gehabt. Ein scharfes Wort der Tante sorgte dafür, dass das an diesem Tag noch so blieb. Die jetzt in hellem Tageslicht liegende Marktstraße war einfach leergefegt, nichts erinnerte mehr an das Chaos auf dem Hinweg - außer einem mittleren Panzer mit gerissener Kette unten in der Gartenstraße. Doch der stand noch tagelang da, und alle Nachbarjungen konnten ihn ebenfalls sehen.

Meine Enttäuschung hielt nicht lange an. Nach wenigen Stunden kamen andere Panzer, andere LKW und andere Soldaten. Manche fuhren nach kurzer Zeit weiter, andere blieben mehrere Tage, Wochen oder Monate. Die letzten rückten erst 1949 endgültig ab. Für uns alle war der Anblick bald alltäglich. Aber die riesigen Panzer auf dem Kirchplatz und dann so viele (es wurden in den nächsten Tagen immer mehr!), die hatte ich ganz allein gesehen!

Den Freunden in der Gartenstraße hätte ich mein Erlebnis sowieso erst viel später erzählen können. „Sperrstunde“, das Wort beherrschte die folgenden Wochen. Drei Stunden am Tag, von 9 bis 12 Uhr, durfte die Straße betreten werden. Und trotzdem gab es jeden Tag Neues zu erzählen.

Autor: Johannes Waldhoff 
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