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Die erste Kinovorführung nach dem 2. Weltkrieg

Nein, es war nicht der erste Film den ich im Kino sah. Ab und zu hieß es 1943/44 morgens in der Schule: Heute Nachmittag ist Kino! Und dann waren wir alle da. Gezeigt wurde „Quax der Bruchpilot“, „Nippons schwarze Adler“ „U-Boote westwärts“, „ ... reitet für Deutschland“ oder ein Hitlerjunge, der alle Gefahren und Herausforderungen tapfer überstand. Dazwischen gab es eine Reihe Kasper-Filme in denen Kasper und Seppel sich allen Gefahren gewachsen zeigten. Die kosteten übrigens 50 Pfennig Eintritt, die Propagandafilme waren frei. Ab Herbst 1944 konnten dann nur noch die Erwachsenen abends ins Kino gehen, tagsüber bestimmten die Tiefflieger mit ihren Bordkanonen den Tagesablauf.

Aber nun, 1946, war es für uns der erste Film nach dem Krieg! Und das kam so: Als die Engländer im Juni 1945 die Amerikaner als Besatzung in Steinheim abgelöst hatten, galt natürlich auch für sie das „Fraternisierungsverbot“, das Verbot, mit Deutschen Freundschaft zu pflegen. Für einen Sonntag hatten sie allerdings das Verbot aufgehoben und es mit einem Fußballspiel mit anschließendem Tanz versucht. Das Desaster ist ein anderes Thema.

So wagten sie einige Monate später einen zweiten Versuch und luden zu einem ganz großen Hollywood-Film ein. Nebenan von Müllers Kinosaal auf dem sonst leeren „Judenplatz“ stand ein Stromaggregat, das die Bevölkerung der benachbarten Straßen stundenweise mit Strom versorgte. Weil dessen Kapazität aber bei weitem nicht ausreichte, konnte die Veranstaltung nur am Nachmittag stattfinden.

Die Erwachsenen waren alle zu Hause geblieben, die Mädchen jeden Alters auch. So bevölkerten wir Schuljungen, ich war inzwischen 12 Jahre alt, den Kinosaal bis zum letzten Platz. Gezeigt wurde ein Revue- und Ausstattungsfilm wie er in jenen Jahren groß in Mode war: Endlose Ballett-Szenen in rauschenden Kleidern und Kostümen, Treppe rauf – Treppe runter, im Kreis gedreht und wieder die Treppe hinauf!

Wir Jungen warteten darauf, dass endlich etwas passierte – aber es passierte nichts. So wurden wir unruhiger und lauter, und bald betrugen wir uns wie man es sich schlimmer nicht vorstellen kann. Hinter uns, in den vier Reihen der „Loge“, saßen die gastgebenden britischen Offiziere. Die mussten doch jeden Moment kommen, uns links und rechts eine herunterhauen und aus dem Saal jagen. Doch sie saßen da als hätten sie mit allem nichts zu tun.

Irgendwann taten den Balletttänzerinnen wohl die Füße weh und der Film war zuende. Johlend stürzten wir aus dem Saal. Doch da stimmte doch etwas nicht? Wie eine Eins standen die Offiziere in Reih und Glied, die Hand an die Mütze gelegt, und grüßten uns zum Abschied! Ich ging noch einmal zurück, und sie standen noch dort als der letzte von uns Rabauken längst den Saal verlassen hatte!

Bei einem England-Besuch jahrzehnte später fiel mir diese Szene wieder ein. Üblicherweise wird dort nach jedem Film die Nationalhymne gespielt, zu der jeder sich jeder Engländer ehrfurchtsvoll erhebt. „God save the Queen“, damals in Steinheim war es noch der King dem die Soldaten ihre Ehre erwiesen.

Autor: Johannes Waldhoff 
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