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Meine Erfahrungen beim Jungvolk

Im vierten Schuljahr hieß es eines Morgens in der Schule: „Heute Nachmittag um drei Uhr ist Jungvolk-Dienst am Parteiheim“. Nachmittags waren wir alle in der Sedanstraße und ab dem Moment waren wir „Pimpfe“, die jüngsten in der Hitlerjugend. Niemand wurde gefragt, niemand musste etwas unterschreiben oder bekam einen Ausweis oder ähnliches. Wir waren automatisch „Pimpfe“.

Ich freute mich, denn davon hatten wir alle schon viel gehört, dort konnte man was erleben.

Hans nahm uns in Empfang, übte ein paar Mal das Antreten und dann ging es ins Heim. Wir hatten Glück. Er war der oberste der gesamten Steinheimer Hitlerjugend und bei uns Kindern hoch und ehrfürchtig angesehen. Im Heim erzählte er uns von der großen Ehre mit dabei sein zu dürfen und dann lernten wir erst einmal ein Lied dessen Text und Melodie ich teilweise noch heute kenne:

... Islands Gestade umbrauset der Süd,
singt uns von Freiheit und Männern ein Lied.
Auf auf Gesellen am Mast euch geschart,
setzt die Segel nach Wikinger Art.

Dann wurde uns aufgetragen für den nächsten Dienstag eine Uniform zu besorgen, bestehend aus Braunhemd, Koppel, Timpentuch und Knoten. Einen Schulterriemen durften wir erst später tragen, wenn wir dazu würdig waren.

Was in den nächsten Monaten folgte macht deutlich, dass die braune Götterdämmerung auch im kleinen Steinheim unübersehbar eingesetzt hatte, auch wenn viele das nicht wahrhaben wollten und wir Kinder natürlich keine Ahnung davon hatten.

Es begann mit der Uniform: Mit meinem evakuierten Vetter Heinz aus Dortmund ging ich zum Uniformgeschäft von Heinrich Ludolph an der Pyrmonter Straße und trug ihm vor was wir kaufen wollten. „Gibt es alles nicht mehr.“ war die Antwort. „Wir müssen das aber bis Dienstag haben!“ – „Ich habe aber nichts mehr.“ – „Wie heißt du denn?“ – „Johannes Waldhoff.“ – „Ist August Waldhoff dein Vater?“ – „Ja.“ – „Selbstverständlich habe ich noch etwas für euch.“

Die Ausbeute waren dann zwei Timpentücher, zwei Lederknoten und zwei Koppel, entfernt wie Leder aussehend, aber aus geölter, schwarz bedruckter Pappe hergestellt. Und auf dem Koppelschloss war eine Siegrune. Das Koppel, dass für uns wichtigste Uniformteil, sollte mir noch viel Kummer bereiten. Dass wir es bekamen hatte übrigens nichts mit Hochschätzung für meinen Vater zu tun, im Gegenteil!

Die örtliche Parteiprominenz legte sicher nie großen Wert auf ihn, dazu war er zu unbedeutend. Aber dass da jemand war, der aus Prinzip nie mit Heil Hitler grüßte, das hatte sich herumgesprochen und wurmte. Wie hieß es doch überall auf Hauswänden und Plakaten:

Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.
erkennt Deutschlands Feinde.
Sie grüßen nicht mit Heil Hitler!

Also war es Ludolph eine Genugtuung mir eine HJ-Uniform zu verkaufen. Die zugehörigen Braunhemden waren zu Hause besorgt worden, woher das weiß der liebe Gott.

Mein Pech im Jungvolk begann am ersten Tag. Eine HJ-Hose endete normalerweise eine handbreit über dem Knie. Unsere Bleylehosen vom Kommunionanzug dagegen aber zwei Finger breit unter dem Knie. Sie wurden von breiten Hosenträgern gehalten, und deren Aufgabe würde nun das Koppel übernehmen. Leider wusste niemand in der Familie, dass bei Männern der Gürtel in Schlaufen gehalten wird. Unsere Strickhosen rutschten daher unter dem Gürtel weg und hingen auf den Knien. Also wurden in aller Eile aus dreifachen Wollfäden Schlaufen genäht, die fertig waren, als der Dienst vorbei war. Vorbild für unsere Scharführer waren etwa 120 Hitlerjungen aus Bochum, die hier mehrere Wochen ihren Landurlaub verbrachten. Sie waren geradezu vorbildlich mit allem ausgerüstet was ein stolzer Hitlerjunge benötigte, und wenn sie singend durch die Stadt marschierten, waren wir alle tief beeindruckt. Dagegen wirkten wir wie ein Lotterhaufen, mit dem sich kein Scharführer gerne blamieren wollte.

Beim nächsten Dienst hatten wir dann einen neuen Scharführer: Otto. Hans hatte uns nur aushilfsweise betreut, weil noch niemand für uns gefunden bzw. geschult war. Mit ihm wurde hauptsächlich Sport betrieben, bei Regenwetter auch mal aus einem Buch vorgelesen. Er war in Ordnung, aber wir hatten ihn nur einige Monate lang, dann ist er tödlich verunglückt.

Von der Bahnhofsallee her kam damals ein Bulldog, mit dem ein junger niederländischer Zwangsarbeiter der Firma Ottomeyer in die Sedanstraße einbog. Otto lief vom Bahnhof her genau in den Bulldog hinein und starb noch an der Unfallstelle. Für den Niederländer hatte der Unfall keine Folgen.

Wir hatten nun keinen Scharführer mehr und bekamen nie einen neuen. Drei „Ereignisse“ sind mir aus dieser Zeit in Erinnerung geblieben. Das erste war der „Tag der Verpflichtung der Jugend“. Auf der Bühne im Kinosaal Müller müssen wir für das damalige uniformgewohnte Publikum ein grauenhaftes Bild geboten haben. Unterhaltsamer war aber Leo.

Als Evakuierter lebte er bei seinem Onkel, dem allseits gefürchteten Polizeibeamten, der ihn entsprechend protegierte. Das war der Grund weshalb wir ihn nicht mochten. Nachdem wir nun auf der Bühne unsere Sprüche aufgesagt hatten und verpflichtet worden waren, trug er einen fast zwei Seiten langen Prolog vor. Sein Pech war, dass er das Wort „Disziplin“ nicht aussprechen konnte, was er bis dahin wohl selbst nicht wusste, und dass wohl fünf oder sechs Mal vorkam. Beim ersten Mal war es ein Versprecher, beim zweiten Mal verbreitetes Gekicher, und dann von mal zu mal mehr ging sein Prolog in unserem schallenden Gelächter unter. Die anwesende Prominenz war konsterniert, wir Pimpfe freuten uns noch tagelang.

Das zweite war das „Große Geländespiel“ der gesamten männlichen Hitlerjugend, das bis nach Thienhausen, Eversen und zum Wölberg reichte. Wochenlang vorher wurde in unserer Schar davon gesprochen, wir strotzten vor Zuversicht, dass wir für „Blau“ den Sieg davontragen würden. Für mich kam es ganz anders. Aus drei Richtungen bezogen mehrere hundert Streiter ihre vorher festgelegten Stellungen. Wir als die jüngsten marschierten am Sportplatz ab, wohin wusste nur unser Scharführer Otto.

Mein Pech: Bereits am ersten Zaun in Richtung Eversche Drift blieb mein Koppel hängen und auf einer Seite rissen die Wollfäden der Halteschlaufen. Mit einer Hand musste ich die Hose halten und bei jedem Zaun eine größere Lücke suchen, während sich meine Schar weiter und weiter entfernte und bald nicht mehr zu sehen war. Dafür standen plötzlich fünf von den ganz Großen vor mir, alle vier Jahre älter als ich. „Wo kommst du denn her? Zu welcher Gruppe gehörst du?“

Ich gehörte zur falschen! Kurzerhand legten sie mich übers Knie und versohlten mir den Hintern. Wie hieß der Spruch doch noch: „Zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl ...“ Mir war es egal, ich ging heulend nach Hause, das Geländespiel konnte mir gestohlen bleiben.

Das dritte waren die Reichsjugendwettkämpfe 1944. Otto lebte nicht mehr, irgendjemand anderes „kümmerte“ sich um uns. Die Großen begannen mit den Wettkämpfen um 8 Uhr, wir mussten erst um 9 Uhr antreten. Jemand erklärte uns, dass die Anforderungen in unserem Alter noch gering seien, dass mindestens die Hälfte der ganz Jungen in den Vorjahren eine Siegernadel erworben habe und dass er erwarte, dass in diesem Jahr jeder von uns siegreich sein werde. Er sprachs und ging von dannen.

Bei der alten Turnhalle angetreten sank unsere Begeisterung allmählich auf den Tiefpunkt. Als erstes sprach sich herum, dass es keine Siegernadeln mehr geben würde sondern nur Urkunden. Die konnte man aber nicht stolz an der Uniform tragen, sie waren also für uns wertlos. Dann fing es an zu regnen. Niemand kümmerte sich um uns, wir standen in angetretener Formation herum und wurden nass und nässer. Es war wohl nach 12 Uhr als wir endlich dran waren, nass bis auf die Haut. Die Führungsmannschaft war längst zum Mittagessen, wir wollten und konnten nicht mehr.

Nachmittags um drei Uhr war auf dem Sportplatz im Alten Hagen vor großem Publikum die Siegerehrung – bei strahlendem Sonnenschein! Keiner von unserer Schar hatte eine Siegernadel gewonnen. Wir brauchten nicht einmal antreten, konnten vom Zaun aus die Vorführungen der BDM-Mädchen ansehen und nach Hause gehen. Es war das Ende meiner Karriere beim Jungvolk.

Bis heute unerklärlich ist mir allerdings, wieso es an diesem Tag keinen Fliegeralarm gab. Das kam sonst, wenn überhaupt, nur am Sonntag vor.

Autor: Johannes Waldhoff 
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