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Ein Auto muss her...

In den letzten Stunden des Krieges, am 4./5. April 1945, strebten hier alle versprengten Reste der Wehrmacht in Richtung Höxter. Dort würde eine neue Hauptkampflinie aufgebaut, dort wären die Lazarette, so hieß es.

Wie weit sie dabei kamen hing allerdings vom Benzinvorrat (oder vom verbliebenen „Siegeswillen“) ab. Der reichte für zwei Königstiger und zwei große Lastwagen nur bis Steinheim.

Was aus den Tigerpanzern wurde weiß ich nicht. Ein LKW lag rechts vor der Langen Brücke (heute Autohaus Lohre) und wurde in den folgenden Wochen und Monaten vollständig ausgeschlachtet. Alles was irgendwann und irgendwie vielleicht einmal zu verwerten war, wurde abgeschraubt und abgesägt. Übrig blieb nur das schwere Fahrgestell mit den Achsen und Radaufhängungen.

Gut einen Kilometer weiter in Richtung Rolfzen lag im rechten Straßengraben der zweite LKW. Auf der Ladefläche war eine Vierlingsflak montiert, wie sie bei der Eisenbahn an jedem Zug angekoppelt war. Auch hier war alles abmontiert, bis auf die Flak auf der wir Kinder Karussell fahren konnten. Hätte sie nur nicht so weit draußen gestanden. Was aus LKW und Flak wurde weiß ich nicht, dafür habe ich es bei dem LKW vor der Langen Brücke selbst erlebt.

Es gab eine Vorgeschichte: Eine blonde, bildhübsche leitende BDM-Führerin wurde von den jungen Männern heiß umschwärmt. Aber sie wies alle ab und träumte von einem „Ritter in schimmernder Rüstung auf einem weißen Pferd“, wie das bei jungen Damen in dem Alter vorkommen soll. Nur sollte ihr Ritter nicht ein weißes Pferd, sondern ein lackglänzendes Auto besitzen, und da kamen zu dieser Zeit eigentlich nur Ärzte, Fabrikbesitzer und Parteiführer infrage.

Doch die Dame machte einen gravierenden Fehler. Sie träumte nicht nur, sie sprach es laut und schnippisch aus: „Für mich kommt nur ein Mann mit Auto infrage“. Das hat man ihr nie vergessen. Sie heiratete im Sommer 1946 einen netten, aber einfachen Mann. Autos gab es jetzt noch weniger als zuvor, und die alberne Geschichte von damals hatte sie längst vergessen. Nicht so die jungen Männer in Steinheim, soweit sie aus Krieg und Gefangenschaft bereits zurück waren.

Um 21 Uhr war Ausgangssperre, und wir stellten unsere Spiele auf der Straße langsam ein. Da rief einer: „Kommt mal her“! Und dann sahen wie sie. Etwa 30 junge Steinheimer kamen in exaktem Gleichschritt über die Schulstraße, schweigend ohne ein Wort und auf den Schultern hatten sie das schwere Fahrgestell des LKW von der Langen Brücke. Sie bogen beim damaligen Jägerhof um die Ecke in die Pyrmonterstraße ein und luden das viele Zentner schwere Teil auf dem Bürgersteig vor dem Hochzeitshaus ab.

Mit einem Besenstiel versuchte die laut schimpfende Brautmutter das Malheur zu verhindern, ohne Erfolg. Am anderen Tag mussten das Brautpaar und die Hochzeitsgäste über das Ungetüm klettern um zur Kirche zu kommen, und noch drei Tage lang lag es auf dem Bürgersteig.

Dann hatten sich genügend Männer zusammen gefunden, luden es mit Heinz Mertens auf den einzigen privaten LKW in der Stadt und kippten es am Schützenplatz in die „Hexenküche“, wo später die Kapelle des Maria-Theresienstifts stand. Sie wurde um dieser Zeit als Müllkippe genutzt. Später, als Schrott wieder wertvoll wurde, haben zwei Personen versucht das Fahrgestell wieder auszugraben. Vergebens, in etwa acht Metern Tiefe ruht es dort heute noch.

Autor: Johannes Waldhoff 
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