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Landleben auf den Bauernhöfen

Wasser kam auch in unserem Bürgermeisterhaus an der Pyrrnonter Straße aus der Pumpe. Entweder aus der in der Küche. oder aus der ganz großen mit dem dicken Eisenklumpen am Schwengel draußen auf dem gepflasterten Hof. Im Winter bekam die letztere eine kunstvolle Umwicklung aus geflochtenem Stroh, doch sie fror trotzdem manchmal ein. Die vom Marktplatz holten das Wasser zur Wäsche, Trinkwasser für das Schwein, die Ziege, aus einem der beiden dicken Messingkräne im „Kump", dem großen runden Sandsteinbecken mit dem mageren fünfstrahligen Springbrunnen in der Mitte.

Die Bauern hatten ganz schön Druck mit dem Pumpen, um das Vieh ein paar Mal am Tag zu tränken. Überhaupt — so ein bäuerlicher Familienbetrieb hatte Arbeit genug für Großvater, Vater, Mutter und die Kinder allen Alters. Damals lagen die kleinen Fachwerkhöfe fast alle in der Stadt, einige sogar direkt an der Marktstraße. In der Rochusstraße und „auf der Beine" lagen sie dicht an dicht.
Ein paar Morgen Ackerland am Stadtrand, ein paar Weiden für fünf Kühe und die beiden Pferde, das reichte , eine kinderreiche Bauernfamilie zu ernähren. Die Mädchen fuhren im Sommer „auf die Milch" zu den Weiden draußen an der Emmer, Bello zog den Milchwagen mit den Milchkannen, dem Eimer und dem Dreieckhocker. Zweimal am Tag, ganz früh am Morgen und am Spätnachmittag.
Im Übrigen lag Bello an der Kette seiner Hundehütte neben der Miste, auf der die Hühner kratzten. Ganz an der Seite lag das „Häuschen" mit dem Plumpsklo und dem Herzen in der Tür. In der Schweineküche der "Schweinepott", ein großer Kessel mit Feuerung darunter, und in handlicher Nähe waren die Schweinekartoffeln in einer großen Rutsche. Das ist also ein Bauernhaus von hinten.

"Wer auf Gott vertraut hat wohlgebaut — im Himmel und auf Erden". Solche und ähnliche Sprüche und die Namen der Hauserbauer sowie die Jahreszahl wurden eingeschnitzt in der großen Deelentür. Auch die Initialen von Jesus, Maria und Josef. Von vorn kam man durch die große zweiteilige und auch in der Höhe unterteilte Einfahrtür auf die Deele mit dem lehmgestampften Boden. Hinten angebaut die Ställe, vorn die Wohnräume rechts und links, dahinter Milchkammer und Schweineküche. Kammern für die Kinder und den Knecht oben auf der einen, Kornkammern auf der anderen Seite, die Deele in der Mitte ging bis zum Boden durch. Das alles unter einem großen Dach.

Die „Stube" war meistens vorn rechts — mit solidem blankem Tisch und der Lampe darüber, eine Bank mit Rücken zur Wand an der langen Seite des Tisches und ein paar Stühle. In einer Ecke der große Eisenofen mit den Türchen im oberen Teil, hinter denen an zur Adventszeit Äpfel briet. In einer anderen Ecke der Schaukelstuhl für den Großvater, seine lange Pfeife oder deren zwei in Griffnähe. An der langen Wand eingerahmt Herz-Jesu und auch eine Mutter-Maria mit ebenfalls blutendem Herzen. Neben der Tür zur Küche Porträtfotos von Großvater und Großmutter, und wo es irgendwo an einer Wand noch einen guten Platz gab, ein Kruzifix mit dem vergilbten Sträußchen vom letzten Palmsonntag.

Auf der anderen Seite der Deele dann die „Gute Stube", in der jährlich der Weihnachtsbaum steht. Sie hat feinere Möbel, vielleicht sogar zwei Sessel, einen schmaleren Eisenofen und
ein Sofa. Darüber hängt unbedingt der große Öldruck, oft mit dem brüllenden Hirsch oder auch der Heiligen Familie. In den Weihnachtstagen, zu Namenstagen, bei runden Geburtstagen, zu Kindtaufen und Todesfällen wird sie gebraucht: die „Gute Stube". Die übrige Zeit ist sie verschlossen, und von Stuhllehne zu Stuhllehne hängen im Winter die Würste zum Trocknen an Stangen. Im Ofen hängt ein Schinken, wenn Platz ist.

Tägliche Arbeiten für die Familie sind Schweinepott kochen, Stroh häckseln für die Pferde auf der einfachen Schneidemaschine mit dem großen Schwungrad — das alles auf dem Hausboden mit einer Rutsche oder durch ein Deckenloch nach unten. Die Kühe werden mit der Hand gemolken, die Milchkannen früh morgens an die Straße gestellt, vom Milchfahrer abgeholt und zur Molkerei gebracht. Flache Schalen werden aufgestellt um in ihnen Quark für Kochkäse zu machen. Der Schmand von der gekochten Trinkmilch kommt morgens auf Opas „Söppchen" — in Milch und Kaffee aufgeweichtes Brot mit Zucker bestreut.

Diese warmen, im Winter auch oft eiskalten, aber auch schönen Fachwerkhäuser hatten ihr eigenes Innenleben. Die Abende wurden nicht lang, man ging früh zu Bett, denn alle waren abgerackert. Das Stampfen der Pferde im angrenzenden Stall, das gelegentliche Muhen der Kühe, das Miauen der Katze und das gelegentliche Anschlagen von Bello gehörten mit zum Einschlafen. Morgens wenn der Hahn krähte stand man auf, füllte die Waschschüssel, warf sich ein paar Handvoll Wasser ins Gesicht, trank in der Küche den Kornkaffee, aß ein paar Schnitten Brot mit Marmelade oder Schmalz mit grobem Salz darüber und dann gingjeder seiner Arbeit nach.

Die schulpflichtigen Kinder machten schnell ihre Schularbeiten fertig, bei denen sie gestern fast eingeschlafen wären. Dann stopfen sie die eingewickelten Butterbrote mit Leber- oder Blutwurst, wohl auch mit geriebenem Nieheimer Käse in den Schultornister und bummelten zur Schule.

Bedroht waren diese lebendigen, warmen oder im Winter auch eiskalten Bauernhäuser vom Feuer. Ein Blitzschlag, ein defekter elektrischer Kontakt im Pferdestall oder auf dem Boden konnten aus dem Haus eine lodernde Fackel machen. Meistens gelang es nur mit Mühe, Leib und Leben von Mensch und Tier aus dem plötzlichen Inferno zu retten. Ehe es die erste Motorspritze gab, mussten die Männer von der freiwilligen Feuerwehr die große pferdegezogene Handpumpe betätigen. Hydranten gab es auch nicht, und ehe der Feuerwehr-Hauptmann „Wasser marsch" kommandieren konnte, war das Haus mit seinem Stroh unterm Dach und den Fachwerkwänden nicht mehr zu retten.

Man hielt mit den schwachen Spritzen wenigstens die Nachbarhäuser kalt, damit nicht auch sie schwarze Wolken über den ganzen Straßenzug sandten. Böse Zungen gibt es überall. lch erinnere mich eines zufällig aufgeschnappten Gespräches nach so einem Brand: „Er hat sicher warm abgebrochen, er war hoch in der Versicherung! Die Klitsche war ja auch ziemlich verkommen". Solche Verdächtigungen gingen hinter der vorgehaltenen Hand von Mund zu Mund und blieben am Abgebrannten kleben, ob er nun „hatte" oder „nicht hatte".

Autor: Walther J. Starp 
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