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Mit dem Zeichenstift durch Steinheim

Zum Gedenken an Victor Schmitt


Wer war dieser Mann, den wir heute mit einer Ausstellung seiner Werke ehren?
Victor Schmitt wurde am 27. April 1896 im Saarland geboren und starb, nachdem er hier gut 25 Jahre gelebt hatte, 1997 im Alter von 101 Jahren in Steinheim. Aber meine Frage gilt nicht seiner Biographie, seinen Lebensstationen, mich interessiert der Mensch und Künstler Victor Schmitt als Steinheimer Bürger.

Die Antwort, wer dieser Mann war, fand ich für mich persönlich bei unserer ersten Begegnung. Die evangelische Gemeinde hatte eine Feier der Goldenen Konfirmation, bei der ich für die Senioren einen Diavortrag über Alt-Steinheim hielt. Mit alten Fotografien zeigte ich, wie die Stadt früher aussah, die Straßen, die Häuser, die Menschen, wie sie arbeiteten oder ihre Feste feierten.

Nachdem ich geendet hatte, wurde ich – völlig überraschend – von einem älteren Zuhörer ganz massiv kritisiert. Er sei aus dem Osten vertrieben, habe dort seine Heimat gehabt und alles verloren. Bei meinem Vortrag war ihm das offenbar alles wieder bewusst geworden und er empfand es als eine Zumutung, dass er sich nun mit der Vergangenheit dieser Stadt Steinheim befassen sollte, die er nicht als seine Heimat ansah.

Das traf mich und die anderen Anwesenden völlig unvorbereitet. Um die sich anbahnende heftige Diskussion nicht ausarten zu lassen, brach Pastor Wöhrmann sie ab. Mit etwas betretenem Schweigen wurde die Sache beigelegt. Mir war dann schnell klar: Der Mann hatte im Osten seine Heimat verloren, Haus und Hof, Nachbarn, Freunde, Lebensgewohnheiten – einfach alles was wir mit dem Begriff Heimat verbinden. Das hatte er innerlich nie verarbeitet. Er war von dort vertrieben, aber im Sinne von Heimat hier bei uns nie wirklich angekommen.

Früh am anderen Morgen ging bei mir das Telefon. Es meldete sich Victor Schmitt, dessen Namen ich vorher nie gehört hatte. Er sei neu in Steinheim und habe sich so aufgeregt, dass er die ganze Nacht nicht geschlafen habe. Er wollte sich für den anderen Mann entschuldigen und mich moralisch aufrichten, weil er glaubte, ich sei völlig deprimiert.

Offenbar musste ich ihn aufrichten. So schilderte ich ihm meine Sicht der Angelegenheit, was er akustisch und verstandesmäßig auch verstand, aber nicht akzeptieren wollte. Das fiel ihm sehr schwer, weil er von seinem ganzen Wesen her gegenteilig dachte und urteilte.

Hätte es Victor Schmitt, aus welchem Grund auch immer, zu den Zulus oder Massai ins Innere Afrikas verschlagen, er hätte sich sofort für das Land interessiert, für die Menschen, wie sie lebten, wie sie ihre Hütten bauten. Und wenn er dort dauerhaft hätte leben müssen, dann hätte er sofort geprüft, wie weit ihm das Land Heimat werden könnte.

Es hat Victor Schmitt nicht nach Afrika verschlagen, sondern nach Steinheim. Folglich interessierte er sich für diese unsere Stadt, für die Straßen, die Häuser, die Geschichte. Hier ging er offen und ohne Vorbehalte auf die Menschen zu. Er mochte diese Stadt, und die Steinheimer mochten ihn, es konnte wohl nicht anders sein.

An diesem Morgen wurde es ein langes Gespräch, das sich in den folgenden Jahrzehnten bei vielen Gelegenheiten fortsetzte. Und jedes Mal war es für mich eine Bereicherung. Und wie mir, so erging es allen in seinem großen Freundes- und Bekanntenkreis.

Resümierend möchte ich sagen, Victor Schmitt war ein Glücksfall für unsere Stadt: Der Mensch mit seinem sympathischen Wesen, seinen zahllosen Gesprächen und Anregungen. Der Künstler mit seinen Bildern, die uns ebenso zurückhaltend wie eindringlich darauf hinweisen, was wir im Stadtbild im Lauf der vergangenen Jahrzehnte verloren haben – und was wir unbedingt erhalten und schützen sollten.

(Vortrag zur Eröffnung der gleichnamigen Gedenkausstellung im Möbelmuseum Steinheim am 19. August 2006.)

Autor: Johannes Waldhoff 
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