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Meine Kindheit und Jugend in Steinheim

Als mein Vater Karl Lücking 1946 aus Sibirien zurückkam, zog ich als Sechsjährige mit meiner Mutter nach Steinheim. Dort lebte ich, mit einer Unterbrechung von zwei Jahren in Österreich, bis zu meinem 21. Lebensjahr.
Als mein Vater 2009 im Alter von 94 Jahren starb, schenkte mir meine Nichte einen Karton voll alter Fotos. Es war für mich das schönste Geschenk, zumal ich von meinen Großeltern August und Auguste Lücking geb. Auge aus Bad Driburg nur wenige Fotos hatte. Sofort konnte ich mich daran erinnern wie er beim Schützenfest (1948) von zwei Adjutanten an der Mühle abgeholt wurde und sie dann zu dritt wegritten. Von seiner Büste im Schützenhaus habe ich auch ein Foto und ich erinnere mich wie die Maske beim Opa abgenommen wurde und ich zusehen durfte.

Und dann die Nachbarn! Stellmacher Hillebrandt, dessen Tochter Hannelore meine beste Schulfreundin war. Ihre ältere Schwester Margret hat den Sohn von Förster Maeßen geheiratet. Im Haus Hillebrandt gab es damals noch ein richtiges Holzklo, ein großes, und ein kleines für Kinder. Dann Schriegels und Birkenfelds. Werner Strato war damals ein Freund von mir, ebenso Bernhard Korwes, der Neffe von Pastor Kremp. Und Fredi Meier aus der Nachbarschaft oberhalb der Gastwirtschaft Hillebrandt wurde von den Kindern gern gehänselt, bei uns hat er sich aber immer wohlgefühlt.

Nebenan im Kaufhaus Hillebrandt wohnte Erika Grün, darüber wohnten Jasperneiten. Frau Jasperneite hatte eine Strickerei, und der jüngste Sohn Heinz war auch mein Jugendfreund. Unter Jasperneiten wohnten Sturms, deren jüngste Tochter war unser Kindermädchen. Die älteste hat den Metzgermeister Lammersen, die mittlere Heinz Struck geheiratet.

Es war eine schöne Zeit. Wir brauchten keinen Fernseher, Computer oder Handy. Wir spielten mit Murmeln, Ball, Springseil und haben viel gelesen. Bei uns in der Mühle war immer was los. Natürlich sah es unser Obergeselle nicht gern, wenn wir auf den Mehlsäcken herumtobten oder mit der Sackkarre herumkurvten. Vor der Tür stand ein Leiterwagen. Dort spielten wir oft „Fangen“. Ich hatte das Pech von oben herunter auf das Kopfsteinpflaster zu fallen. Ergebnis: Rechter Arm gebrochen. Im Krankenhaus wurde er dann gerichtet.

In unserer LKW-Garage gab es jeden Sommer ein Kinder-Schützenfest. Dazu backte unser Bäcker zwei bis drei Bleche Zucker- und Streuselkuchen. Man brauchte nur die Zutaten hinbringen. Das Fest wurde von uns Kindern mit allem Drum und Dran, einschließlich der Polonaise, gefeiert.

Gegenüber vom Mühlenweg wohnte der Bauer Nölker, der hatte vier Jungen. Ich durfte oft mit aufs Feld, oder sie waren bei uns. Wir hatten ja unsere Emmer! Baden durften wir darin in der Nähe von Tante Gretes Haus (Altes Kloster). Was dabei nicht so schön war waren die Blutegel.

Ich war von Kindesbeinen an im Turnverein – wir hatten kurz vor den Sieben Schütten unsere Turnhalle. Wenn es mal zu laut wurde guckte Frau Lücking aus einem kleinen Fenster um uns auszuschimpfen. Zwei Bilder besitze ich noch vom Turnfest, das damals im Saal Hillebrandt, Rosentalstraße, in der Blauen Grotte stattfand. Dort bei Hillebrandts habe ich auch mein erstes Wassereis gekauft. Es war dann eine Sensation als Bäcker Möcklinghoff, damals noch auf der Rochusstraße, das erste Sahneeis herausbrachte. Die Leute standen Schlange!

Der Sohn Klaus Möcklinghoff war mein Kinderprinz, wir waren das erste Kinderprinzenpaar nach dem Krieg. Es war ein wunderschönes Erlebnis am Rosenmontag auf dem großen Prinzenwagen mitzufahren.
Später war ich noch drei Jahre lang bei der Funkengarde. Da fällt mir ein, nach unserem Auftritt als Funken im Rosenmontagszug war es unmöglich, noch im völlig überfüllten Saal zu tanzen. Aloys Lammersen war im Elferrat und lud mich in die Kellerbar bei Möcklingshoffs ein, dort war es viel schöner. Vor den zahlreichen Auftritten wurde immer mächtig trainiert. Schon bald konnten wir vor Muskelkater kaum laufen. Dann hieß es: „Weitermachen, dann geht es wieder weg“! Wenn ich sehe, dass die Garden heute in schicken Lederstiefeln auftreten – wir hatten damals noch Stiefel aus Filz!

Meine Tanzschule war im Saal des Hotels Schäfer. Sonntags ging mein Vater zum Fußball, ich durfte immer mit. Die Lückings aus der Turnhalle hatten es gut, sie mussten nur ein Fenster öffnen um das Spiel zu sehen. Wenige Meter hinter dem damaligen Sportplatz war die alte Badeanstalt in der Emmer, und die war einfach toll. So könnte ich noch immer weiter erzählen.

Nachdem ich noch zwei Jahre lang die Schule in meinem Geburtsort Berndorf bei Wien besucht hatte, kam ich nach Steinheim zurück und trat 1956 in der Möbelwerkstatt Heinrich Gemmeke auf der Schiederstraße meine kaufmännische Lehre an – bei 45 Mark Monatslohn! Buchhalter war dort Bernhard Döhre. Neben der Büroarbeit durfte ich Haushalts- und Gartenarbeit verrichten und dreimal am Tag den Dackel ausführen. Einmal in der Woche gings zur Berufsschule ins schöne Höxter. Als dann Gemmeke von Hugo Twillemeier aus Mastholte übernommen wurde, durfte ich mit Bernhard Döhre die alte und die neue Firma „abwickeln“.

Mein Vater betrieb neben der Mühle noch eine Hühner- und eine Schweinezucht. Aber die Zeiten änderten sich, er ging zur Bundeswehr. Als er dann 1962 eine Dienstwohnung in Hildesheim bezog, wäre ich gern in Steinheim geblieben, aber mein Vater erlaubte es nicht. In Hildesheim bekam ich durch die Beziehungen meines Vaters eine Stelle als Zivilangestellte bei der Bundeswehr. Mein Vater wurde fast 95 Jahre alt. Vor seinem Tode hatte er oft den großen Wunsch wieder nach Steinheim zu kommen. Am liebsten hätte er es gehabt, dass seine Asche in seine geliebte Emmer gestreut worden wäre.

1967 habe ich meinen aus Frankfurt/Oder gebürtigen Mann geheiratet und zwei Söhne bekommen. Nachdem wir anfangs mehrere Male umgezogen sind, lebe ich seit 1980 nun in Dielheim in der Nähe von Heidelberg. Und jedes Mal wenn das Jahresheft des Heimatvereins kommt freue ich mich, schwelge in Erinnerungen und denke an die schönen Kinder- und Jugendjahre in meiner Heimatstadt zurück.

Autor: Ruth Koven-Sturm (geb. Lücking) 
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