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Maikäfer, Heilkräuter und Kartoffelkäfer

Am 1. April 1940 in die Schule gekommen, hatten wir zunächst alle Hände voll zu tun um das Sütterlin-Alphabet zu lernen. Unter der fast mütterlichen Anleitung von Fräulein Krömeke hatte das bis zum Beginn der Sommerferien ganz gut geklappt. Wenige Tage vor dem Ende der Ferien wurden diese plötzlich um zwei Wochen verlängert. „Siegesferien“ hieß es. Und dann folgten noch einmal weitere 14 Tage Ferien, obwohl gerade kein neues Land erobert worden war.

Als dann nach einem herrlich langen Sommer die Schule begann, wurde uns mitgeteilt, dass wir alles vergessen müssten was wir vorher gelernt hatten. Die Sütterlinschrift wurde von der lateinischen abgelöst. Vorher waren die neuen Schulbücher nicht fertig geworden! Das fehlende Lernpensum aufzuholen war kaum möglich, zumal die jungen Lehrer inzwischen alle eingezogen waren und immer mehr Pensionäre in den aktiven Schuldienst zurück geholt wurden. Trotzdem lief noch alles in geordneten Bahnen.

Im zweiten Schuljahr angekommen begann dann auch für uns die Sammelei, die in den nächsten Jahren einen guten Teil des Schulunterrichts ersetzen sollte. Sehr zu meiner Freude! Anfang Mai 1941 hieß es „Maikäfer suchen“. Es gab eine heute unvorstellbare Maikäferplage. Alle Klassen waren morgens auf dem Schulhof angetreten und Rektor Rüther hielt mit donnernder Gottvater-Stimme eine Ansprache in der er uns klarmachte, dass unsere Väter an der Front heldenhaft die Heimat verteidigten, während wir nun aufgerufen seien den deutschen Wald zu retten.

In Marschkolonnen und singend zogen die Oberklassen zum Steinheimer Holz. Den Mittelklassen war der Schützenplatz zugewiesen worden, der Klasse über uns der Ehrenfriedhof, und mit uns zog Fräulein Krömeke zum Friedhof an der Wöbbeler Straße. Dort gab es hohe Linden unter denen nur wenige Käfer lagen, und viele Birken die wir nicht schütteln konnten. Unsere Ausbeute war mager. Die älteren Klassen dagegen kamen teils erst im Lauf des Nachmittags mit großen Kisten voller Käfer zurück. Sie wurden auf dem Schulhof mit kochendem Wasser übergossen.

Die Maikäfer waren eine einmalige Aktion. Die viel propagierten klassischen Sammelobjekte: „Eisen, Knochen, Lumpen und Papier – ausgeschlagene Zähne sammeln wir“ wurden von uns viel und laut besungen, aber nicht wirklich gesammelt. Jedenfalls kann ich mich an keine solche Aktion erinnern. Dafür blieb das Sammeln von Heilkräutern stets aktuell. Mindestens an einem Nachmittag der Woche fielen die Hausaufgaben aus, dafür musste in Feld und Flur gesammelt werden.

Es begann im Frühjahr mit Huflattichblüten, dann Huflattichblätter, Gänsefingerkraut, Johanniskraut, Himbeerblätter, Kamillenblüten, Schafgarbe und was weiß ich. Auf dem Schulboden wurde alles getrocknet, musste oft gewendet werden und wurde dann in riesigen Tüten für „unsere Soldaten an der Front“ abgeliefert. Das Sammeln fiel wegen Luftalarm oft aus und wurde mit zunehmender Tieffliegergefahr im Spätsommer 1944 ganz eingestellt.

Ein Kapitel für sich war die Suche nach Kartoffelkäfern. An einem Tag im Sommer 1944 blieben alle Tornister in der Schule, wir zogen auf die Kartoffelfelder. Die Amerikaner hatten, so sagte man uns, in den Nächten zuvor Wattebällchen aus Flugzeugen abgeworfen in denen sich Kartoffelkäfer befanden. Weder an unserer Schule noch sonst wo in der Region wurde ein Wattebausch gefunden, offenbar war auch die Schulleitung auf die Propaganda hereingefallen.

Ab dieser Zeit fielen an einem weiteren Nachmittag in der Woche die Schularbeiten aus, wir mussten Kartoffelkäfer suchen. Das war nicht zu kontrollieren, wir suchten alles, nur keine Kartoffelkäfer. Tatsächlich habe ich die ersten lebenden Exemplare erst nach dem Krieg gesehen. Da traten sie allerdings in solchen Mengen auf, dass viele Felder und Kartoffelbeete in den Gärten kahl gefressen waren. Das ist ein anderes Thema.

Beim Suchen auf Feldern und Wiesen achtete ich immer auf feindliche Flugblätter, über die viel getuschelt wurde. Gefunden habe ich in der ganzen Zeit aber nur einige völlig verregnete und unleserliche Exemplare. Dafür fanden wir in Mengen silberne Stanniolstreifen, zwei Zentimeter breit, ca. 50 lang und auf einer Seite schwarz. Nicht anfassen, die sind vergiftet! Das behaupteten die Erwachsenen, die ihren wirklichen Zweck auch nicht kannten. Sie waren abgeworfen worden um Radar-Suchgeräte zu irritieren, die jetzt auch in Deutschland eingesetzt wurden, nachdem sie schon früher auf alliierter Seite den deutschen U-Booten zum Verhängnis geworden waren.

Von einem auch nur einigermaßen geordneten Schulunterricht konnte ab 1944 keine Rede mehr sein. Auch das ist ein anderes Thema.

Autor: Johannes Waldhoff 
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